Gießen hat selbst gesteckte Klimaziele nicht ganz erreicht

stadtwerkeNicht nur global wird über Klimaziele verhandelt. Auch Gießen engagiert sich im Klimaschutz. 2006 wurde die Stadt Mitglied im Klima-Bündnis und verpflichtete sich damit, alle fünf Jahre die Kohlendioxid (CO2)-Emissionen um zehn Prozent zu reduzieren und die Pro-Kopf-Emissionen bis spätestens 2030 zu halbieren. Das geschieht auf freiwilliger Basis. Wenn die Vorgaben nicht eingehalten werden, folgen auch keine Sanktionen. Ist das alles nur Imagepflege oder hat Gießen die Ziele tatsächlich erreicht?

Der Energiebericht der Stadtwerke Gießen (SWG) zeigt: Die CO2-Bilanz der Stadt Gießen hat sich verbessert. Waren es 1990 noch 964 000 Tonnen CO2, die ihre Einwohner in die Atmosphäre entließen, so waren es 2009 nur noch 619 000 Tonnen, eine Minderung um rund 36 Prozent. „Das ist vor allem auf den Abzug der Bundeswehr und der US-amerikanischen Truppen zurückzuführen sowie auf die Schließung energieintensiver Industrie, zum Beispiel der Gail-Werke“, erläutert Reinhard Paul, technischer Vorstand der SWG, im Gespräch mit dem Anzeiger. Hinzu komme die Verwendung von Erdgas in Kombination mit effizienteren Kraftwerkstechnologien.

Das Fünf-Jahres-Ziel verfehlte Gießen knapp. Im Vergleich zu 2004 sanken die Emissionen lediglich um etwa acht statt zehn Prozent. Alles in allem trotzdem kein schlechter Schnitt: 2009 entfielen 7,64 Tonnen CO2 auf jeden Einwohner, eine Verminderung der Pro-Kopf-Emissionen um 40 Prozent verglichen mit 1990. Damit ist Gießen auf bestem Wege, bis 2030 die 50 Prozent zu erreichen. Der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei etwa zehn Tonnen CO2 pro Einwohner. Auch dafür hat Paul eine Erklärung: „Schaut man sich die Beschäftigungszahlen an, so sind viele von ihnen in der Lehre oder im Gesundheitswesen tätig. Personen mit hohem Bildungsgrad haben im Durchschnitt einen geringeren CO2-Fußabdruck.“ Langfristig streben die Mitglieder des Klima-Bündnisses einen CO2-Ausstoß pro Kopf von 2,5 Tonnen an, ein ambitioniertes Ziel.

„Die Kommunen haben begrenzte Möglichkeiten“, sagt Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich auf die Frage, wie Kommunen die Klimaziele erreichen können. „Die Stadt kann selbst Emissionen einsparen, indem sie zum Beispiel ihre Gebäude richtig dämmt oder erdgasbetriebene Stadtbusse einsetzt. Und dann kann sie Öffentlichkeitsarbeit leisten und Anreize geben.“ Zum Beispiel über den Gießener Gebäudepass, der Zuschüsse für eine Energieberatung gewährt. Darüber hinaus kann die Stadt eine Anschlusspflicht für Fernwärme auferlegen, wie es für das Neubaugebiet Schlangenzahl geschah.

Gießen hat 2011 außerdem ein Solarkataster aufgestellt, durch das Hauseigentümer überprüfen können, ob sich ihr Haus für die Nutzung von Sonnenenergie eignet. Bleibt noch die Möglichkeit, gute Bedingungen für eine Bebauung zu schaffen: An der Hohen Warte soll ein Solarpark entstehen. Daneben wird die Straßenbeleuchtung allmählich auf stromsparende LEDs umgestellt. Den Start machte das Südviertel.

Der Energiesektor verursacht die meisten CO2-Emissionen. Es lohnt also ein Blick auf das Energiekonzept der Stadtwerke. Diese bieten unterschiedliche Strom-Mixe an. Die Stadt bezieht immerhin den „Gießener Grünstrom“, der zu drei Vierteln aus erneuerbaren Energien und zu einem Viertel aus Erdgas gewonnen wird. Die Stadtwerke bieten allerdings auch Strom-Mixe an, die sich auch aus Kernkraft und Kohle speisen. „Die Stadtwerke haben einerseits langfristige Verträge mit Stromlieferanten und müssen andererseits auch wettbewerbsfähig bleiben“, verteidigt Weigel-Greilich den Anteil fossiler Energieträger. Die Stadtwerke sind ihr als lokaler Energieversorger wichtig: „Sie sind 100-prozentige Tochter der Stadt und gehören somit den Bürgerinnen und Bürgern. Das, was erwirtschaftet wird, geht auch in lokale Investitionen. Zum Beispiel in den Windpark in der Rabenau oder in die Biogasanlage Buseck.“

Energiegenossenschaften könnten auch eine sinnvolle Alternative und oft sogar die bessere Lösung sein, so die Bürgermeisterin. Sie seien vor allem geeignet, eine höhere Akzeptanz bei der Bevölkerung zu erzeugen, zum Beispiel für Windparks. Trotzdem verteidigt sie den kommunalen Energieversorger: „Bei Genossenschaften profitieren oft Private. Kommunen sollten aber auch profitieren, auch um Kitas und Schulen besser finanzieren zu können.“

Die Stadtwerke nutzen die Technologie der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Bei über einem Viertel des generierten Stroms wird gleichzeitig die entstehende Abwärme genutzt. KWK-Anlagen sind ökologisch vorteilhafter und auch wirtschaftlich sinnvoller als die getrennte Erzeugung von Strom und Wärme. Eine Besonderheit Gießens ist das große Fernwärmenetz. Momentan werden 60 Prozent der Fernwärme durch KWK erzeugt, was aus Klimaschutzerwägungen sinnvoll ist. Nur in Spitzenzeiten im Winter entsteht die Wärme durch konventionelle Heizkessel.

Zurzeit wird hauptsächlich Erdgas verwendet, welches zwar nicht klimaneutral ist, dafür aber eine bessere CO2-Bilanz als Kohle oder Erdöl aufweist. Auch weitere Kleinanbieter speisen das Fernwärmenetz: So verbrennt die Schreinerei der Jugendwerkstatt ihre Holzabfälle, die Kläranlage liefert Wärme durch die Klärgasverstromung, die Abwärme des Krematoriums Gießen wird verwendet und die Firma Poppe speist überschüssige Wärme in das Netz ein. Wärme, die sowieso entsteht und andernfalls einfach verpuffen würde. Auch die TREA, die Thermische Reststoffbehandlungs- und Energieverwertungsanlage, trägt zehn Prozent zum Wärmebedarf bei, indem sie aufbereiteten Gewerbemüll als Brennstoff einsetzt. Hier von erneuerbaren Energien zu sprechen, kann jedoch verwirren. Zwar ersetzen die Abfallstoffe fossile Energieträger, aber der Brennstoff an sich ist nicht erneuerbar, sondern besteht hauptsächlich aus mineralölhaltigen Kunststoffverpackungen. „Die TREA ist als Zwischentechnologie geeignet“, erklärt Weigel-Greilich, „weil die Schadstoffbelastungen deutlich geringer sind im Vergleich zu Kohle. Fernwärme ist zudem sauberer als einzelne Öfen oder Kamine in jedem Haushalt.“

Obwohl der Strombedarf seit 1992 relativ konstant geblieben ist, kann man in Zukunft mit mehr Elektroautos auf den Straßen auch mit einem steigenden Stromverbrauch rechnen. Damit Elektromobilität überhaupt Sinn macht, sollte der Strom aus erneuerbaren Energien stammen. Paul sieht außerdem im Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung eine Stellschraube „mit starker Gewindung“, um den kommunalen Klimaschutz voranzutreiben.

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