In künstlich geschaffenem Raum wahres Eldorado für Wildtiere und -pflanzen entstanden

Der "Schönungsteich", der heute in der Kläranalge keine Funktion mehr erfüllt und sich selbst überlassen bleibt.

Der „Schönungsteich“, der heute in der Kläranalge keine Funktion mehr erfüllt und sich selbst überlassen bleibt.

Dass Kläranlagen und Naturschutz zusammenpassen, verwundert auf den ersten Blick. Immerhin sind Kläranlagen technische Bauwerke, die Abwasser reinigen. Aber so naturfern sind sie gar nicht: Die Gießener Kläranlage bietet Lebensräume für Wildtiere und -pflanzen.

Kröten und Frösche geben ein Konzert, Vögel zwitschern in hohen Tönen. Der Graureiher tarnt sich im Muster des emporstehenden Schilfs, und die Enten schwimmen weg, als sie merken, dass jemand kommt. „Ein vollkommen normales Verhalten für Wildtiere“, konstatiert Thomas Becker, stellvertretender Leiter der Kläranlage Gießen. „Sie sind sehr scheu im Gegensatz zu den Enten im Park, die sofort zu dir schwimmen, wenn du Brot hineinwirfst.“

Im Gegensatz zu den vielbesuchten Parks können die Tiere hier ungestört leben.

Im Gegensatz zu den vielbesuchten Parks können die Tiere hier ungestört leben.

Der sogenannte Schönungsteich der Kläranlage ist inzwischen wirklich nur noch „schön“. Vor einigen Jahrzehnten hatte er noch die Funktion, das Wasser nachzuklären, bevor es in die Lahn fließt. „Nachdem die Kläranlage immer weiter ausgebaut wurde, ist der Teich einfach übrig geblieben“, weiß Thomas Becker. Zusätzlicher Pflege bedarf er nicht, lediglich der Wasserzu- und -abfluss werden geregelt. Über die Jahre hinweg hat sich so ein Biotop ausgebildet, in dem Blässgänse, Odinshühnchen und Bachstelzen leben. Auch Thomas Becker ist beeindruckt: „Eine künstlich geschaffene Anlage ist hier aufgrund des technischen Fortschritts zum Biotop geworden. Es ist hochspannend zu beobachten, wie effektiv sich die Natur ausbreitet, wenn sie sich selbst überlassen bleibt.“

Bundesweit einmalige Untersuchungen hierzu hat das Regierungspräsidium bereits 2002 veranlasst. In zehn Kläranlagen wurden die Bestände schützenswerter Tier- und Pflanzenarten aufgenommen und bewertet. Das Klärwerk Gießen bekam das Attribut „wertvoll“, die Note sieben auf einer Skala von eins bis neun. „Dass Pflanzenkläranlagen gut für den Artenschutz sind, war bekannt, aber dass technische Anlagen fast genauso gut abschneiden, das hat uns erstaunt“, erinnert sich Frank Reißig, Dezernatsleiter für kommunales Abwasser und Gewässergüte und Leiter des Projektes. Grund für die Artenvielfalt sind Strukturelemente, die eine Kläranlage bietet und die man auch ohne großen Aufwand anlegen kann: Feuchtbiotope, ungenutzte Randflächen, Schlamm, Steinmauern, Rasen, Büsche oder Hecken. Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich kann dies nur unterstützen: „Es ist wichtig, Rückzugsgebiete für die Natur zu haben, und das Gießener Klärwerk bietet eine wunderbare Schutzsituation für Tiere, die in der Stadt keinen Raum finden. Eine vorzügliche ,Win-win-Situation’ sozusagen.“

Der Teich der Gießener Kläranlage ist nur an zwei Stellen zugänglich. Den Rest des Ufers bewachsen dichte Hecken und Sträucher. „Niemand kann da durch, und niemand weiß so genau, wie groß der Teich ist“, gibt Thomas Becker zu. Auf einer großen Fläche wächst Schilf, eine Pflanze, die das Wasser reinigt. Die Insel in der Mitte bietet weitere Abwechslung für die Tiere.

Die Kläranlage mit großen Wiesenflächen, die früher mithilfe von Schafen kurz gehalten wurden.

Die Kläranlage mit großen Wiesenflächen, die früher mithilfe von Schafen kurz gehalten wurden.

Aber nicht nur der Teich bietet Lebensräume. Das Areal der Kläranlage ist groß, und die vergleichsweise wenigen Mitarbeiter stören die Tiere nicht. „Wir haben Füchse auf dem Gelände, die man zum Teil in der Dämmerung sieht. Und Futter haben sie auch: Mäuse, Aas, Kleingetier, vor allem aber Kaninchen. Die hoppeln hier überall herum“, beschreibt Thomas Becker. Damit unterscheidet sich die Kläranlage deutlich von viel genutzten Parks oder Ackerflächen, wo schwere Landmaschinen über die Böden fahren.

Häufig bleibt von Baumaßnahmen ein Haufen Bauschutt auf dem Gelände. In wenigen Jahren ist der Hügel bewachsen und bietet Raum für Vögel oder kleine Echsen. Während früher der Rasen in Kläranlagen kurz gehalten wurde, geht man heute dazu über, ihn nur noch zwei Mal im Jahr zu mähen, damit bestimmte Pflanzen sich entwickeln können. In der Gießener Kläranlage haben das zeitweise sogar Schafe erledigt. „Das war zwar besser für die Artenvielfalt auf der Wiese“, erklärt Thomas Becker, „aber derjenige, der die Schafe gestellt hat, betreibt keine Schafzucht mehr.“

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