Ein Streifzug durch die vegane Universitätsstadt

Veganes Restaurant in Gießen. Die Motivation für vegane Ernährung kann ganz unterschiedlich sein.

Veganes Restaurant in Gießen. Die Motivation für vegane Ernährung kann ganz unterschiedlich sein.

Sich vegetarisch zu ernähren, ist heutzutage kaum mehr etwas Besonderes. Der VEBU, der Vegetarierbund Deutschland, geht von acht bis neun Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus, die auf Fleisch und Fisch verzichtet. Einige verzichten sogar vollständig auf tierische Produkte, essen also auch keine Milchprodukte, Eier und Honig. Der vegane Lifestyle hat auch Gießen erreicht.

„Ich wollte nicht, dass Tiere für mein Essen leiden und sterben“, beschreibt Maria den Auslöser dafür, sich vegan zu ernähren. Das war vor fast drei Jahren. „Ich dachte damals, das sei gar nicht so gesund. Aber dann habe ich mich genauer informiert und habe ganz viele Gründe gefunden, die dafür sprechen, auf tierische Produkte zu verzichten: Es tut der Gesundheit gut und durch eine pflanzliche Ernährung können wir den Welthunger bekämpfen und etwas für den Klimaschutz tun.“ Die 41-jährige alleinerziehende Mutter lässt ihren Sohn aber essen, was er möchte. Mit einer Einschränkung: Zu Hause soll kein Fleisch zubereitet werden.

Thomas ernährt sich seit acht Wochen vegan. Seine Beweggründe waren neben den moralischen Aspekten vor allem die persönliche Erkenntnis: „Ich wollte einfach mal selbst ausprobieren, wie es ist, sich ohne tierische Produkte zu ernähren, inwiefern man es als Einschränkung empfindet und was es im Körper bewirkt.“ Er sähe sich weniger als ‘Veganer’, sondern eher als ernährungsbewussten Menschen. In den wenigen Wochen habe er sehr viel über Ernährung gelernt. „Ich fühle mich auch sonst unerwartet gut. Gerade vorgestern habe ich sogar meine Bestzeit auf der Langstrecke unterboten“, konstatiert der 23-jährige Student.

Die Nachfrage nach vegetarischen und veganen Gerichten scheint zu steigen. Seit inzwischen zwei Jahren gibt es in der Gießener Mensa dienstags und donnerstags den Veggie-Tag. „Von den drei Gerichten haben wir die vegetarische Alternative in eine vegane verwandelt“, sagt Gunnar Meister, Leiter der Mensen, „denn wir bekamen viele Anfragen seitens der Studierenden. Immerhin gibt es ja hier den Studiengang Ökotrophologie, da beschäftigen sich viele mit Ernährung und haben bestimmte Ansprüche“. Viel positive Resonanz hätte es auf den Veggie-Tag gegeben. Von Leuten, die sich vegan ernähren, aber auch von anderen, die die Gerichte einfach Mal probieren. „Der Renner sind Süßkartoffelplätzchen oder das Süßkartoffelcurry“, weiß Meister, der die Statistiken kennt. „Wir gehen von 0,5 bis 1 Prozent veganen Studierenden aus, dabei nutzen etwa 15 bis 30 Prozent die veganen Gerichte.“ Inzwischen gibt es in der VitalMensa auch mittwochs ein veganes Gericht. An den anderen Tagen können sich Veganer mit Beilagen, Salaten oder an der Nudeltheke verköstigen.

Auch Gaststätten und Imbisse erweitern ihre vegetarische und vegane Auswahl. Im Juli letzten Jahres hat sogar ein veganes Restaurant eröffnet. Beim „Vollwert-S“ steht die menschliche Gesundheit im Mittelpunkt. „Unser Essen ist vollwertig, bio und vegan, das sind die drei Grundsätze, nach denen wir unser Angebot gestalten“, sagt Reinhard Storch, einer der drei Betreiber des Restaurants. Die Restaurantfiliale gehört der Sabbatruhe-Advent-Gemeinschaft und setzt auf christliche Werte. „Der Respekt vor der Natur und dem Leben ist ganz wichtig. Auch in biblischen Zeiten hat man Tiere gegessen, aber heutzutage ist die Tierhaltung nicht mehr zu vertreten“, erklärt Uta Dura, die zweite Person des Dreierteams. Und Rahel Gläser ergänzt: „Tierschützern geht es darum, das Tier zu schützen, uns geht es vor allem darum, die Gesundheit des Menschen zu schützen.“

Aber ist vegane Ernährung wirklich gesünder? Gibt es nicht Vitamine, Mineralstoffe oder andere Inhaltsstoffe, die ausschließlich in tierischen Produkten zu finden sind?

„Vegan ist nicht automatisch gesund, aber eine optimal zusammengestellte vegane Ernährung kann sehr gesund sein“, sagt Dr. Markus Keller, Ernährungswissenschaftler und Leiter des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE) in Langgöns. „Abgesehen von Vitamin B12 sind alle für den Menschen lebensnotwendigen Nährstoffe auch in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten. Bei manchen Inhaltsstoffen, wie Vitamin C, sekundären Pflanzenstoffen und Ballaststoffen, sind wir sogar auf pflanzliche Lebensmittel angewiesen, da sie in tierischen Produkten praktisch nicht vorkommen.“ So empfiehlt Keller die Palette an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Kartoffeln, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen sowie hochwertigen pflanzlichen Ölen möglichst abwechslungsreich zu gestalten und gering verarbeitete Lebensmittel zu bevorzugen. Vitamin B12 müsse bei veganer Ernährung über angereicherte Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel aufgenommen werden. Und er betont weitere Vorteile: „Eine vegane Ernährungsweise ist deutlich nachhaltiger als die übliche, fleischlastige Durchschnittskost: sie verbraucht weniger Energie, Rohstoffe und Wasser, belegt weniger Landfläche und erzeugt deutlich weniger Klimagase.“

Beim veganen Stammtisch im Café Toller können sich Gleichgesinnte jeden dritten Mittwoch im Monat treffen. „Einmal waren es um die 15 Leute, manchmal sind es nur fünf,“ weiß Maria, die selber hin und wieder den Stammtisch besucht. Jeder bringt eine Speise mit oder kocht vor Ort. Heraus kommt ein buntes Buffet zum Beispiel aus Spaghetti „Bolognese“, Couscous-Salat, selbst gemachtem Bärlauch-Pesto, Kirsch-Schokokuchen und mehr. Auf die Frage, ob ein veganer Lebensstil gesellschaftsfähig ist, antwortet Maria: „Das ,Vegan-sein’ ist im Mainstream angekommen, dass es gesund oder empfehlenswert ist, aber noch nicht.“

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