Wie fahrradfreundlich ist Gießen?

03_symbolBeim ADFC-Fahrradklimatest 2012 erreichte Gießen Platz 156 von 252 deutschen Städten in der Kategorie „Kommunen kleiner als 100 000 Einwohner“. Mit der Note 3,9 steht Gießen im Mittelfeld. Die beste Note ist gerade einmal 2,2, die die Stadt Bocholt erreichte. Das Ergebnis zeigt: Die Städte können noch eine Menge tun, um fahrradfreundlicher zu werden. Einiges hat sich in den letzten Monaten jedoch auch in Gießen getan.

Die Liebigstraße, Ecke Frankfurter Straße, trägt seit einigen Wochen eine Fahrradabbiegerspur, auf der man nach links Richtung Innenstadt fahren kann. Das erleichtert das Abbiegen zwischen den fahrenden Autos. Den Rahmen für solche Veränderungen setzt der Radverkehrsentwicklungsplan (RVEP), der 2010 von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen wurde. Die in ihm aufgeführten Infrastrukturmaßnahmen müssen bei allen weiteren Um- und Ausbauplanungen berücksichtigt werden. So kam bei Umbauten der Licher Straße, der Grünberger Straße und des Aulwegs jeweils ein Radfahrstreifen hinzu.

„Früher wurden die Straßen von innen nach außen geplant. Man hat zuerst geschaut, dass der Kfz-Verkehr seine Nutzungsansprüche erfüllt bekommt, heute versucht man allen Verkehrsteilnehmern gerecht zu werden. Die Radfahrstreifen haben daher ganz andere Breiten“, sagt Alexander Koch, Radverkehrsbeauftragter der Stadt Gießen. Ein gut frequentierter Radweg muss beispielsweise 1,85 Meter breit sein. Und dann gibt es noch sogenannte Schutzstreifen für die Fahrradfahrer: Sie sind durch eine gestrichelte Linie erkennbar, Fahrzeuge dürfen – im Gegensatz zum Radfahrstreifen – diese Linie bei Bedarf überfahren. Solch ein Schutzstreifen ist zukünftig auf der Ringallee geplant. Ebenso auf dem Wartweg, in der Gießener Straße und auf dem Wiesecker Weg.

bahnhof„Die Gießener Radfahrer erkennen Verbesserungen durchaus an, wie sich bei der Frage zur Einbahnstraßenfreigabe zeigt, bei der Gießen eine 2,45 erhielt“, sagt Hartwig Leuer, Vorsitzender des ADFC Gießen, mit Blick auf den Fahrradklimatest. Gießen punktet auch in Sachen Erreichbarkeit der Innenstadt und zügiges Fahren. Schlecht sieht es aus bei den Ampelschaltungen, der Radwegbreite und der Verkehrsführung an Baustellen.

Schaut man in die Verkehrsstatistik, so sind es in Gießen 24 Prozent aller Wege, die mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Zum Vergleich: In der bestbenoteten Stadt Bocholt sind es 33 Prozent.

Obwohl bereits einige Einbahnstraßen für Fahrräder geöffnet wurden, sind nicht alle zufrieden, darunter Linda Diehl, eine leidenschaftliche Radfahrerin: „Ich bin schon mehrmals von Autos angehupt worden, wenn ich erlaubter Weise gegen eine Einbahnstraße gefahren bin.“ Oft sind die Straßen sehr eng, sodass Auto und Fahrrad sich nur vorsichtig passieren können. Andere Einbahnstraßen sind geblieben. „Ich finde es schade, dass die Alicenstraße von der Bahnhofstraße Richtung Frankfurter Straße nicht befahrbar ist. Zudem ist es total umständlich, die Frankfurter Straße zu überqueren“, beschwert sich Linda Diehl.

Wer während der Bauplanungen die Öffentlichkeitsbeteiligung nicht wahrgenommen hat, kann der Stadt trotzdem mitteilen, was er oder sie für verbesserungswürdig hält. Über ungünstige Verkehrssituationen könne die Stadt auf allen bekannten Kontaktwegen informiert werden, sagt Alexander Koch. Speziell für Aspekte des Radverkehrs stehe das Meldeportal des Radroutenplaners Hessen zur Verfügung. „Hier kann die genaue Örtlichkeit in einer Karte exakt markiert werden und auf Wunsch können auch Bilder eingestellt werden.“ Doch eingebrachte Vorschläge einfach umzusetzen, gestaltet sich schwierig. Koch gibt zu bedenken: „Vielfach sind Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs aus Kostengründen nur als Begleitmaßnahme zu sonstigen Straßenbaumaßnahmen realisierbar.“ Hartwig Leuer wendet jedoch ein: „Der Nationale Radverkehrsplan der Bundesregierung empfiehlt Ausgaben zwischen acht und 16 Euro pro Einwohner und Jahr für den Radverkehr. Auf Gießen bezogen wären das 600 000 bis 1,2 Millionen Euro pro Jahr. Wir wünschen uns, dass dieser Betrag in den kommenden Jahren auch in Gießen zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur aufgewandt wird.“

Dem würden sicherlich auch Teilnehmer der Critical Mass beipflichten. Bei dieser Veranstaltung treffen sich Fahrradfreunde in der Stadt und fahren gemeinsam auf der gesamten Spur. Laut Straßenverkehrsordnung ist das nämlich ab 16 Radfahrern – der kritischen Masse – möglich. In Gießen treffen sich die Radelnden jeden ersten Donnerstag im Monat, um sich als unmotorisierter Verkehrsteilnehmer ein Stück öffentlichen Lebensraum, die Straße, zumindest zeitweilig zurückzuerobern. Getreu dem Motto: „Wir blockieren nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr! Autos stehen nicht im Stau, sie sind der Stau!“

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