Trendsport mit Fahrrad und wenig Kommerz

bikepoloAuf jeder Seite des Spielfeldes sitzen drei Leute startbereit auf ihren Fahrrädern, in der Mitte des Feldes ein pinker Ball. Mit dem Start fährt jeweils ein Spieler jeder Seite – so schnell er kann – dem Ball entgegen. Derjenige, der ihn bekommt, versucht ihn mit dem Schläger und geschickten Pässen in das gegnerische Tor zu befördern. Aber Achtung: Geschicktes Manövrieren mit einer Hand ist notwendig, die Füße dürfen den Boden nicht berühren. Bike Polo, auch Rad Polo genannt, hat sich seit den 2000ern zu einem Trendsport in urbanen Räumen entwickelt. Der Kommerzialisierung noch nicht unterworfen, erzählen ein paar Spieler von „Gießen Bike Polo“ (gsn) über ihre Lieblingssportart.

Etwa 2009 wurde Bike Polo in Gießen populär. Die Fahrradfreunde spielten es zunächst nur zum Spaß auf Parkplätzen. Lukas ist seit Beginn dabei und erinnert sich: „Wir haben uns dann später im Verein zusammengeschlossen, damit wir dieses Rollschuhfeld nutzen können.“ Mit der Rollsportanlage des Roll- und Eissportclubs Gießen (REC) am Schwanenteich sind die Spieler besser ausgestattet als anderswo. Das Feld bietet eine gute Oberfläche, ist groß und beleuchtet. „Oft kommen sogar Leute aus Frankfurt zum Spielen her.“

Bike Polo ist keine neue Sportart. „Irgendwann um 1900 war es eine olympische Disziplin, die auf dem Rasen gespielt wurde“, weiß Lukas. Mit Pferdepolo habe das aber gar nichts zu tun. „Ich würde es eher mit Hockey vergleichen“, sagt er. „Der Sport kommt von den Fahrradkurieren. Die haben sich in den Pausen überlegt, was man alles so mit Fahrrädern anstellen kann, so wurde eine Ballsportaus daraus.“ Alle der insgesamt 15 Spieler – einschließlich einer Spielerin – in Gießen sind über das Fahrradfahren zum Bike Polo gekommen. Sei es, weil sie gerne Mountainbike, Rennrad oder „Fixies“ fahren.

Mit diesen „Fixies“ – Räder, die hinten keinen Freilauf haben – wurde noch vor ein paar Jahren Bike Polo gespielt. Das heißt, die Pedalen haben sich mit der Bewegung des Rades immer mit gedreht. „Wenn man sich Videos von früher anschaut, dann war das alles auch noch ganz langsam“, sagt Jonas, der schon drei Jahre dabei ist. „Das sieht heute ziemlich lustig aus. Irgendwann hat man entschieden, dass sich Räder mit Freilauf doch besser eignen. Seitdem ist das Spiel schneller und auch härter geworden.“ Aber es gibt Kontaktregeln: Schläger dürfen nur Schläger, Fahrräder nur Fahrräder und Körper nur Körper berühren. Da das trotzdem manchmal gefährlich werden kann, tragen alle Spieler Helme und einige Schienbein-, Knie- und Ellenbogenschutz. Dass so wenige Frauen mitspielen, führt Jonas auf die körperlichen Unterschiede zurück. Allerdings gebe es auch Frauenturniere, wie das internationale „Ladies Army“. Jonas ist nach wie vor begeistert: „Das Tolle an Bike Polo ist, dass es noch so eine junge Sportart ist und man alle technischen Entwicklungen mitbekommt. Die ganze ‚Community‘ entwickelt gemeinsam, was besser werden kann. Zum Beispiel auch neue Regeln, die sich beim Spielen bewähren.“

Inzwischen müssen sich die Spieler ihren Schläger nicht mehr selbst mithilfe von Skistöcken basteln. Damit ist der Einstieg in den Sport leichter geworden. Jonas ist aber der Meinung, dass diese Sportart keine so starke Kommerzialisierung erfahren wird: „Ich glaube, es hängt irgendwie mit dem Menschenschlag zusammen. Viele Skater und Fahrradfreaks sind dabei. Neben dem Spiel an sich ist vor allem das Miteinander wichtig, nicht der Kommerz.“ Die Tattoo-Quote sei ziemlich hoch. Und auch die Veganer-Quote. „Auf den Turnieren gibt es häufig nichts Gescheites zu essen“, sagt Jonas mit Augenzwinkern. Und von außen könnte man meinen: Ja, es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, in die man nicht so leicht hineinkommt. Dass trotzdem alle offen sind, davon konnte sich Jonas überzeugen, als er das erste Mal dabei war: „Ich habe im Programm des allgemeinen Hochschulsports vom Bike Polo gelesen und bin dann einfach mal hergekommen. Ich war ganz schön aufgeregt, aber nach einer halben Stunde Spiel habe ich mich gar nicht mehr gefühlt wie der Neue.“

Das Spiel auf dem Rollfeld ist inzwischen vorbei, denn es dauert nur zwölf Minuten oder so lange, bis ein Team fünf Tore geschossen hat. Dabei kommt man trotzdem richtig ins Schwitzen. Die „Community“ tauscht sich vor allem im Netz aus. Die meisten kennen sich aber auch persönlich, denn viele Gruppen veranstalten Turniere und wer möchte, kann im Sommer fast jedes Wochenende in eine andere Stadt fahren. „Und es ist super, du meldest dich bei den Leuten, kannst mit denen spielen und bekommst auch immer einen Schlafplatz angeboten“, schwärmt Jonas.

Auch „Gießen Bike Polo“ veranstaltet am 19. und 20. Oktober mal wieder ein Turnier. 66 Personen aus ganz Deutschland treten gegeneinander an. Allerdings nicht in festen Dreier-Teams, wie es sonst der Fall ist. Die Spieler spielen in immer anderen Kombinationen und sammeln eigenständig Punkte. Und wer nicht nur zuschauen, sondern auch mitmachen möchte, kann das immer dienstags ab 19 Uhr auf der Rollsportanlage am Schwanenteich ausprobieren – für Probefahrräder ist gesorgt.

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