Konsumkritscher Stadtrundgang

stadtrundgang1Dass viele unserer Konsumprodukte unter verheerendsten Arbeitsbedingungen produziert werden, ist für viele keine neue Information. Da gibt es die Jeanshosen, die bei der Färbung nicht nur Gewässer verschmutzen, sondern auch die Gesundheit der FärberInnen in den Fabriken schädigen. Oder Menschen, die für einen Hungerslohn auf Plantagen arbeiten, damit wir hier unsere Bananen im Supermarkt einkaufen können. Nicht außer Acht gelassen werden kann die Rolle der Industrie der Medien und der Politik, die diese Ungerechtigkeiten zulassen. Aber auch jeder Mensch als Konsument oder Konsumentin kann tagtäglich entscheiden, was in den Einkaufskorb kommt und kann damit Verantwortung übernehmen. Der Weltladen Gießen hat zum konsumkritischen Stadtrundgang eingeladen – denn: wissen wir wirklich schon alles über die verschiedenen Produkte und handeln wir dann auch dementsprechend?

„Was bedeutet für Euch Konsum?“, mit dieser Frage starten Anna Keller und Corinna Welck von der Bildungsgruppe des Weltladens Gießen den konsumkritischen Stadtrundgang. Die Antworten drehen sich um „shopping gehen“. Und wie es sich beim Shopping gehört, ist auch ein Einkaufswagen dabei. Mit dem geht es nun durch den Seltersweg. „Wir wollen uns heute fragen“, beginnt Anna Keller, „was die Macht der Konsumenten und Konsumentinnen beim Einkaufen ist.“ Der erste Halt ist ein Kaffeegeschäft. „Hier geht es stellvertretend um die Kaffeeherstellung im Allgemeinen.“ Der durchschnittliche Kaffeekonsum liege bei vier Tassen pro Tag. Kaffee sei damit beliebter als Bier, die Herstellung erfordere aber große Mengen an Pestiziden, so Anna Keller. Sie reicht einen Becher mit unleserlicher Aufschrift herum. Ratlosigkeit bei den Teilnehmenden, um was für eine Sprache es sich wohl handeln mag. Niemand kann das Kleingedruckte entschlüsseln.

Es handelt sich um Warnhinweise, die auf der Verpackung der Pestizide stehen. „Das ist der Originalbeibackzettel des Pestizids Baysiston auf portugiesisch. Zwar sprechen die Bauern in Brasilien portugisiesch aber sie können nicht unbedingt lesen“, erklärt Anna. „Es ist hochgiftig und in Deutschland seit 25 Jahren verboten. Zwar ist Schutzkleidung verordnet, aber diese Regelungen werden meist übergangen.“

Um die Gefahr zu veranschaulichen, durfte sich ein Teilnehmer den Schutzanzug anziehen.

Um die Gefahr zu veranschaulichen, durfte sich ein Teilnehmer den Schutzanzug anziehen.

Erstaunen in der Runde. Wie kann Bayer das Pestizid in Deutschland herstellen und exportieren, obwohl die Benutzung hierzulande verboten ist? Aber es gibt Alternativen. „Bei Fair Trade“, so Anna, „wird auf die Produktionsbedingungen und Mindestlöhne geachtet. Und es wird geholfen, auf biologische Produktionsweise umzustellen.“ Anna hält ein weiteres Siegel in die Höhe, auf ihm steht „Rain Forest Alliance“, ein grüner Frosch ziert die Mitte. „Das findet man ziemlich häufig, auf Chiquita-Bananen, auf dem Tschibo-Kaffee oder bei Starbucks. Die Standards von diesem Siegel sind viel niedriger als die des Fair-Trade-Siegels. Der Kaffee wird zum Beispiel in Wäldern und nicht auf großen Plantagen angebaut, aber es geht nicht um faire Arbeitsbedingungen oder Mindestlöhne. Außerdem dürfen auch Pestizide eingesetzt werden.“ Wozu auch das zuvor besprochene gehört.

Der Stadtbummel geht weiter. Der nächste Stop ist ein Kleidungsgeschäft. Corinna Welck weist die Teilnehmenden darauf hin, dass die meisten Jeanshosen tragen. Um den Weg, den die Jeans zurückgelegt hat, geht es in diesem Beispiel. Wie viele Kleidungsstücke im Durchschnitt von einer Person im Jahr konsumiert werden, will Corinna wissen. Die Einwürfe der Runde reichen von zwei bis zwölf Kilogramm. In Deutschland seien es 14, so Corinna, während in den Herstellungsländern etwa zwei Kilogramm konsumiert werden. „Der Anbau ist problematisch, weil Baumwolle eine sehr wasserintensive Pflanze ist und ihr monokultureller Anbau auch große Mengen an Pestiziden erfordert.“ Die Weltreise beginnt in Indien, hier kommt die Baumwollpflanze her. Zwei Teilnehmende haben Stift und aufblasbare Weltkugel in der Hand und zeichnen den Weg der Jeans nach. „Dann geht die Baumwolle nach China und wird mit Maschinen aus der Schweiz zusammengesponnen. Die nächste Station ist Polen: Hier wird die Baumwolle zu Stoff verwebt, diesmal mit Maschninen aus Deutschland. Aus Frankreich kommen die Markenlabels, dann geht es wieder nach Taiwan, wo die Jeans mit chemischem Indigo eingefärbt wird. Eine sehr schädliche Substanz für Wasserorganismen aber natürlich auch für die Arbeiter_innen. In Bangladesh geht es in den großen Nähfabriken weiter.“ Corinna weißt auf die Bedeutung der Textilindustrie in Bangladesh hin und auf Brände in den Nähfabriken, die bereits vielen Menschen das Leben kostete. Schlussendlich landet die Jeans bei uns im Laden. Die Weltkugel ist inzwischen mit kreuz und quer bemalt. Aber Corinna nennt auch Alternativen: Second-Hand-Läden, Flohmärkte, Kleidertauschbörsen oder Läden, in denen nachhaltig hergestellte Textilien gekauft werden können. Auch hier gibt es verschiedene Siegel. Der Ökotex-Standard verbiete bestimmte Chemikalien beziehungsweise setze Grenzwerte, die für die Konsument_innen in Europa von Vorteil sind, Pestizideinsatz oder Arbeitsbedingungen spielten bei diesem Siegel aber keine Rolle. Sie hält ein weiteres, das „Global Organic Textile Standard“ hoch. „Ein relativ vertrauenswürdiges Siegel, weil es sowohl auf die Umweltauswirkungen als auch auf die Arbeitsbedingungen eingeht“, lautet Corinnas Fazit. Sie empfiehlt außerdem „Naturtextil“.

Der Rundgang endet im Weltladen. Hier gibt es von Lebensmittel über Textilien bis hin zu ein paar Accesoires alles in Fair Trade Qualität.

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