Damit die Lebensmittel nicht in der Tonne landen

lebensmittel_retten1Lebensmittelretten.de hat es sich zum Ziel gesetzt, aktiv gegen die Lebensmittelverschwendung vorzugehen. Damit das auch jenseits des privaten Rahmens geschehen kann, sucht nun auch die Gießener Gruppe Kooperationen mit dem Lebensmittelhandel und verteilt die essbare Ware an Interessierte.

Eine Kiste Kirschen und einen Karton Zwiebeln sortieren Paula Eckelmann und Larissa Knepper nach verdorbenen Stücken aus. Sie sind Teil der Gießener Ortsgruppe der Lebensmittelretter, die es inzwischen in sehr vielen deutschen Städten gibt. Seit dem Dokumentarfilm „Taste the Waste“ von Valentin Thurn und Initiativen wie „Zu gut für die Tonne“ vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ist das Thema verstärkt in die Medien gelangt. Reportagen zeigen, wie Leute zu den Containern der Supermärkte pilgern, um noch Essbares aus den Tonnen zu retten. Mit den Lebensmittelrettern soll dies nun auch auf formalem Wege möglich werden.

Im April 2014 hat sich die Gießener Gruppe mit rund 15 Ehrenamtlichen zusammengefunden. Seit vier Wochen klappern sie in abwechselnder Zusammensetzung die Stände auf dem Markt ab und fragen nach nicht mehr verkaufbarem Obst und Gemüse. So auch heute. „Die Betreiber der Stände reagieren ziemlich positiv. Viele haben auch schon gewachsene Strukturen der Verwertung. Aber von einigen bekommen wir auch etwas“, sagt Julian Tänzer, der „Gruppenbotschafter“. Jede Ortsgruppe hat einen Botschafter, der formal für die Koordination zuständig ist. „Aber im Grunde teilen wir uns alle Aufgaben innerhalb der Gruppe“, sagt er. Dazu gehöre zum Beispiel auch das finden neuer Kooperationspartner oder die Organisation der Abholungen. Da bisher hauptsächlich auf dem Markt herumgefragt wurde, haben sich der Mittwoch und Samstag Nachmittag als Tage des Lebensmittelaustauschs etabliert. „Wenn der Markt zu Ende geht, schauen wir, wo wir noch verwertbare Lebensmittel bekommen können. Wir sortieren sie dann und treffen uns danach vor dem Café Amélie, wo wir quasi eine Tauschbörse anbieten“, erklärt Tänzer weiter. Hier können also nicht nur Leute vorbei kommen, um Lebensmittel mitzunehmen, sondern auch, um welche da zu lassen, die sie selber nicht mehr essen können. „Wir wollen vor allem auch Studierende einladen zum Beispiel jetzt vor den Semesterferien, bevor sie wegfahren, ihre Lebensmittel, die sie nicht mehr brauchen, hier abzugeben, statt sie wegzuschmeißen“, betont Tom Hochscheid, ein anderer Lebensmittelretter.

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Eine weitere Kooperation mit dem Wiesecker Becker Weller hat die Gruppe inzwischen auf die Beine gestellt. „Ich wohne dort und gehe da regelmäßig Brot kaufen. Und weil ich wusste, dass der Bäcker seine Sachen selber produziert, habe ich einfach mal angefragt. Und er hat direkt ja gesagt“, erzählt Paula Eckelmann. Der Bäcker würde zwar bereits an zwei Tagen in der Woche die Überbleibsel an die Tafel geben, hätte aber nichts dagegen, einen zusätzlichen Tag die Reste statt als Tierfutter an die Lebensmittelretter abzugeben. Eine Konkurrenz zur Tafel seien die Lebensmittelretter aber nicht, sagt Tänzer: „Wir nehmen den Tafeln nichts weg. Wir holen teilweise sogar Sachen ab, die die Tafel aus lebensmittelrechtlichen Gründen nicht bekommt und wir sind auch flexibler, wenn es darum geht, spontan etwas abzuholen.“

Mit Supermarktketten gebe es bisher noch keine Kooperationen, weil die Filialleiter nicht die Entscheidungsmacht hätten und sich der Prozess hier deutlich schwieriger gestalte, so Eckelmann.

Durch die formale Organisation gibt es immerhin einen Haftungsausschluss, den die Lebensmittelretter unterzeichnen. Das macht es den Unternehmen einfacher, das Essen abzugeben, denn ab diesem Moment sind sie nicht mehr verantwortlich für möglicherweise verdorbene Ware.

Wer aber bekommt die geretteten Lebensmittel? „Momentan geht der Großteil an Freunde, Bekannte und Nachbarn“, sagt Tänzer. „Wir sind noch in der Phase zu schauen, wie groß ist das durchschnittliche Angebot und wie viel Nachfrage passt dazu.“ Interessierte Personen können eine E-Mail an giessen@lebensmittelretten.de schreiben und bekommen nähere Informationen zu den Lebensmittelaustauschpunkten. Neue Aktive sind aber auch herzlich willkommen. „Je mehr Kooperationen wir eingehen, umso mehr Personen brauchen wir, die sich zuverlässig um die Abholung kümmern, daher freuen wir uns über Zuwachs“, sagt Tänzer.

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Inzwischen stehen die Kisten sortiert vor dem Café Amélie und es ist noch Einiges dazu gekommen: Das Angebot reicht von Kartoffeln, Bohnen und Paprika über Radieschen, Lauch und Spinat bis hin zu Pfirsichen, Kirschen und Stachelbeeren. „So bunt sieht es nicht immer aus. Heute haben wir eine gute Ausbeute gemacht“, sagt Eckelmann. „Daher sieht mein Abendessen Samstags auch oft abenteuerlich aus, wenn ich versuche, die verschiedenen Lebensmittel zusammenzubringen.“

Eine Bekannte der Gruppe, die sich eine Tüte mit Obst und Gemüse befüllt hat, freut sich: „Das ist gut für unser WG-Budget. Oft sind auch Sachen dabei, die ich gar nicht kaufen würde, wie die Stachelbeeren. Und dann ist mir die Idee dahinter auch so wichtig, dass Essen nicht einfach weggeschmissen, sondern stärker wertgeschätzt wird.“

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