„Von den Fahrradschnellstraßen sind wir noch weit entfernt“ – Aktuelles zum Radverkehrsentwicklungsplan

Schild_Schlachthofstrasse

„Fahrradfreundliche“ Verkehrsschilder: Wer sich in Gießen nicht auskennt, wird das „Bitte einordnen“-Schild beim Vorbeifahren wohl kaum auf Anhieb verstehen.

2006 wurde begonnen, den alten Radverkehrentwicklungsplan zu überarbeiten. 2010 beschloss ihn das Stadtparlament. Was seitdem getan wurde, welche Problempunkte es noch gibt und was aktuelle Radverkehrsprojekte sind, darüber informierten Bettina Speiser und Ralf Pausch beim Grünen Brunch. Zwar sind Maßnahmen wie zusätzliche Schutzstreifen und Abstellmöglichkeiten besser als keine, sie zeigen aber auch, dass „radikalere“ Maßnahmen gescheut werden.

Ralf Pausch, Mitarbeiter der Stadtverwaltung, begrüßt den Radverkehrsentwicklungsplan, betont aber auch die Nachteile: „Es werden Maßnahmen benannt und priorisiert aber leider wird nicht ausgeführt, wie sie finanziert werden sollen. Selbst neue Markierungen aufzumalen, ist teurer als manche denken.“ Der Radverkersentwicklungsplan bildet wie alle Entwicklungspläne nur den Rahmen für die weitere Entwicklung. „Man kann dann entweder, wenn Baumaßnahmen in der Stadt anfallen, schauen, was der Radverkehrsentwicklungsplan dazu sagt oder man kann aktiv gucken, wo Veränderungsbedarf besteht“, erklärt Bettina Speiser. Sie sitzt für die Grünen im Stadtparlament und ist stellvertretende Vorsitzende des ADFC Gießen.

Beim monatlich stattfindenden Brunch, den der Stadtvorstand der Grünen organisiert, werden jedes Mal unterschiedliche Schwerpunktthemen herausgegriffen und vorgestellt. Dieses Mal geht es um den Fahrradverkehr. Auch fünf BürgerInnen sind dabei, die erfahren möchten, wie es um die Entwicklung hin zur fahrradfreundlichen Stadt bestellt ist.

Dass Fahrradfahrende keine homogene Gruppe sind und daher auch unterschiedliche Ansprüche haben, macht Pausch deutlich: „Es gibt die Alltagsradfahrer, die sich auf dem Fahrrad vielleicht sicherer fühlen als die Gelegenheitsradfahrer. Die einen präferieren den Radfahrstreifen auf der Fahrbahn, die anderen fühlen sich auf dem Fahrradweg auf dem Bürgersteig sicherer.“ Dennoch würden Statistiken zeigen, dass das Unfallrisiko auf der Fahrbahn um ein Vielfaches niedriger ist. Pausch und Speiser kritisieren zudem das „Elterntaxi“. Eltern hielten es für sicherer, ihre Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren. Dabei zeige der Kinderunfallatlas für Hessen, dass die Unfallquote für Kinder als Mitfahrende im PKW deutlich höher ist im Vergleich zum Fahrrad als Verkehrsmittel.

„Von den Niederlanden oder Dänemark mit den Fahrradschnellstraßen sind wir noch weit entfernt“, gibt Pausch zu, betont aber gleichzeitg, dass in den letzten zwei Jahren einiges gemacht wurde, um die Stadt fahrradfreundlicher zu gestalten. Darunter Maßnahmen wie Radfahrstreifen oder Schutzstreifen auf der Grünberger Straße, der Krofdorfer Straße und der Ringallee, die Gehwegfreigabe auf der Europastraße, die Ausweitung von Tempo 30 Zonen und die Freigabe einiger Einbahnstraßen. Dass der Radverkehr zugenommen hat, merke man beispielsweise auch daran, dass neu gebaute Abstellanlagen, deren Bedarf bereits vor zwei Jahren ermittelt wurde, nun doch nicht mehr ausreichen. Trotz einiger Neuerungen blieben für Fahrradfahrende aber ungeeignete Stellen. So sei die Rodheimer Straße in mehrerer Hinsicht problematisch, dem sich auch die am Tisch sitzenden Gießener BürgerInnen anschließen. Verwirrend sei zum Beispiel das Schild in der Schlachthofstraße, wenn man links des Restaurants „Knossos“ vorbei fahre. Kein Radfahrer könne mit einem Blick verstehen, was mit dem komplizierten Schaubild gemeint ist. Auch die Querung aus der Schützenstraße ist bisher nicht geeignet, das soll sich perspektivisch ändern. „Man muss immer schauen, was möglich ist. Auf der Rodheimer Straße ist die Verkehrsbelastung so hoch, dass es schwierig ist, die Radfahrer mit in den Autoverkehr zu nehmen“, sagt Pausch.

Er stellt ein Projekt vor, an dem momentan gearbeitet wird: Auf dem Wiesecker Weg soll in mehreren Abschnitten ein Radfahrstreifen entstehen. Zwischen Marburger und Dürer Straße soll bereits nächstes Jahr mit den Arbeiten begonnen werden. Zusätzlich sollen ein paar Bäume den Weg grüner machen. Speiser hält allerdings nicht nur konkrete Bauprojekte, sondern auch „weiche“ Maßnahmen für wichtig, wie zum Beispiel Sicherheitskampagnen für einen besseren Überholabstand, die Zusammenarbeit mit Schulen, damit statt des „Elterntaxis“ wieder mehr SchülerInnen selbstständig in die Schule fahren oder die Beteiligung Gießens am „Stadtradeln“, einer Aktion des Klimabündnis, bei dem Städte im Wettbewerb untereinander drei Wochen lang Fahrradkilometer sammeln.

BürgerInnen sind zudem aufgerufen, Anregungen oder Mängel kund zu tun. Diese können über den allgemeinen Mängelmelder der Stadt , über die Meldeplattform Radverkehr oder über den Radroutenplaner Hessen gemeldet werden.

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