forumstadt: Über nachhaltiges Bauen

In der Regel werden Plätze am Wasser immer gut angenommen. (Hier: Auf der Landesgartenschau, leider noch kein öffentlicher Raum)

In der Regel werden Plätze am Wasser immer gut angenommen. (Hier: Auf der Landesgartenschau, leider noch kein kostenlos zugänglicher öffentlicher Raum)

Die Stadtplanung verändert sich. Klimawandel, der demografische Wandel aber auch soziale Faktoren erfordern eine nachhaltige Planung. Die Naturbausteine-Firma Rinn organisierte in diesem Zusammenhang das „forumstadt“, wo verschiedene Referenten einem überwiegenden Fachpublikum aus Architekt_innen, Stadt- und Landschaftsplaner_innen spannende Anregungen lieferten.

„Im Kommen sind helle Farben. Man möchte öffentliche Plätze nicht mehr dunkel haben, weil man die Aufheizung der Stadt minimieren möchte“, erklärt Christian Rinn, Geschäftsführer von Rinn Beton- und Naturstein. Der Trend ginge außerdem hin zum Hochwertrecycling. Aus Betonstein solle also nicht nur Straßenbelag werden, sondern wieder neuer Betonstein.

Wie sieht eine nachhaltige Stadt aus?

Rainer Nagel, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Baukultur, stellte Arbeitsschwerpunkte der Stiftung vor. Einer davon sind „gemischte Quartiere“, die idealtypischen Quartiere der Stadt, die Bedürfnisse wie Zentralität, Nähe zu Naherholungsflächen, Nähe zum Arbeitsplatz und sonstigen Versorgungseinrichtungen erfüllen und die sich durch eine hohe soziale Durchmischung auszeichnen. Der Wohnungsneubau werde diesem Leitbild jedoch häufig nicht gerecht. „Beim Wohnungsbau geht es meist nur um Quantität. Statt einer funktionalen Mischung kommt es viel mehr zur Entmischung“, sagt Nagel. „Besonders sichtbar wird das beim Handel, der sich am Stadtrand oder in Shopping Malls konzentriert.“ Deshalb möchte die Stiftung zur Qualitätsdebatte beitragen. Eine Maßnahme sei zum Beispiel das Erdgeschoss hoch zu bauen. „Dort können sich dann kleine Läden ansiedeln. Das führt zur Belebung des öffentlichen Raums. Man hat quasi das Dorf in der Stadt.“ Auch betont Nagel: „Viele wollen einfach abreißen und neu bauen, aber Studien zeigen, dass die Sanierung meist effizienter ist, als ein Neubau“.

Er misst dem öffentlichen Raum besonders große Bedeutung bei: Wenn etwas neu- oder umgebaut wird, beispielsweise stünden viele Brücken zur Sanierung an, solle man unbedingt die Synergien nutzen und die Sanierung mit der Freiraumgestaltung koppeln, hin zu mehr Begrünung, Barrierefreiheit und Aufwertung von Stadtplätzen. „Stellen Sie sich vor, man könnte in den Städten Deutschlands in einigen Jahren in allen Flüssen baden. Das könnte eine Strategie sein. Oder die Straßen für andere Funktionen, jenseits des motorisierten Individualverkehrs, öffnen“, malt Nagel aus. Schließlich geht es um die Verfahrensqualität. „Das Bauvolumen liegt in Deutschland mit rund 310 Milliarden Euro in der Größenordnung des Bundeshaushalts“, sagt Nagel. „Das ist enorm. Wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass die Fehlerquote bei etwa 12 Prozent liegt, da kann man schon fragen, wie das zu verbessern ist.“ Um Fehler möglichst zu vermeiden, empfiehlt er einen langen Vorlauf. Schon in der Vorplanungsphase solllten BürgerInnen in einem zielorientierten und ergebnisoffenen Prozess beteiligt werden.

Die Bewertung von Nachhaltigkeit

Wie Nachhaltigkeit messbar gemacht werden kann, damit beschäftigt sich die DGNB, die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. Sie entwickelt den DGNB-Standard, den es in Gold, Silber und Bronze gibt. Daneben gibt es viele andere Zertifizierungssysteme, wie das britische BREEAM oder das amerikanische und kanadische LEED. Der DGNB-Standard soll international anwendbar sein, weshalb der Verein verschiedene Bewertungssysteme für verschiedene Länder entwickelt. „Ein Beispiel ist die innovative Stadt Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Da muss man ganz andere Kriterien anlegen. Die Stadt liegt mitten in der Wüste. Bis zur Metropole Abu Dhabi ist es ein weiter Weg. Wenn also die Leute mit PKWs hin und her fahren, nützt auch die Niedrigenergiebauweise nicht viel“, erklärt Stephan Anders von der DGNB. Zur Bewertung werden ökologische, ökonomische, soziale aber auch technische und Prozessqualitätsparameter berücksichtigt. Dazu wird die Ökobilanz zur Hilfe genommen, die die Umweltwirkung von Baumaterialien bilanziert. Eine weitere Methode sind die Lebenszykluskosten. „Meist stellt sich heraus, dass bezogen auf einen Zeitraum von 50 Jahren rund 80 Prozent der Gesamtkosten auf die Nutzung und nur 20 Prozent auf den Bau des Gebäudes zurückzuführen sind“, erklärt Anders. Werden über 80 Prozent der aufgestellten Kriterien erfüllt, so kann ein Gebäude den Gold-Standard erhalten. Die DGNB zertifiziert aber nicht nur Neubauten, sondern sogar ganze Quartiere. „Hier geht man aber nicht so sehr ins Detail, was die Baumaterialien angeht, sondern schaut mehr auf die Gesamtwirkung auf den öffentlichen Raum.“ Hier kommen Kriterien zum Tragen wie soziale und funktionale Durchmischung, Abfallsysteme, Wasserkreisläufe oder lokale Nahrungsmittelproduktion. „Das Instrument dient aber nicht nur dem Marketing, es kann auch als Planungsinstrument fungieren, indem es Anreize schafft, Innovationen umzusetzen. Wenn jemand weiß, dass das Kriterium Energietechnik wichtig ist, um den zertifiziert zu werden, wird es vielleicht eher umgesetzt“, sagt Anders.

Nachhaltigkeit im öffentlichen Vergabewesen?

Der Vortrag des Juristen Mark von Wietersheim, Geschäftsführer des forum vergabe e.V., zeigt, dass Vergaberecht und Nachhaltigkeit sich nicht widersprechen müssen. Er ging der Frage nach: Wie kann der öffentliche Auftraggeber handeln, wenn er nachhaltige Ziele hat, es aber gleichzeitig um das wirtschaftlich günstigste Angebot geht? Die Antwort ist: Oft geht es, aber es kommt vor allem auf die Begründung an. Von Wietersheim gibt ein Beispiel: „Eignungskriterien dürfen auch soziale Aspekte sein. Wenn ich allerdings als Auftraggeber fordere, dass der Auftragnehmer einen Frauenanteil von mindestens 25 Prozent im Betrieb haben muss, dann hat das keinen direkten Auftragsbezug und würde rechtlich nicht durchgehen“. Daher sollte in der Begründung vor allem der Auftragsbezug herausgearbeitet werden. Das Thema spielt insbesondere deshalb eine Rolle, weil 2014 eine neue EU-Richtlinie verabschiedet wurde, die in den folgenden Jahren umgesetzt wird. „Diese Richtlinie wird zumindest in ein paar Punkten eine Begründungserweiterung liefern, die es dem Auftraggeber erleichtern wird, Nachhaltigkeitskriterien einzufordern“, lautet die Einschätzung von von Wietersheim.

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