Ist „regional“ besser? – Tagung an der JLU Gießen

Beim Essen wurde konsequenter Weise auch auf Regionalität geachtet.

Beim Essen wurde konsequenter Weise auch auf Regionalität geachtet.

Regionale Produkte können frischer sein, durch kluge Transportlogistik CO2 einsparen und zur Förderung der lokalen Wirtschaft beitragen. Allerdings kommt es vor allem auf die Ausgestaltung an. Regional ist nicht automatisch besser. So in etwa ließe sich zusammenfassen, was auf der Tagung „Appetit auf Zukunft – Regional essen in Hessen“ am Freitag in der Aula der Justus-Liebig-Universität diskutiert wurde. Vor- und Nachteile regionaler Produkte waren aber nicht das einzige Thema.

Regionale Lebensmittel liegen im Trend

Dass regionale Ernährung im Trend liegt, bestätigt Ulrike Arens-Azevedo. Sie nahm Studien unter die Lupe, die die Bedeutung regionaler Ernährung für Verbraucher_innen untersuchten und fasst zusammen: „Die Befragten finden Regionalität sogar wichtiger als ‚Bio‘. Und ältere Personen scheinen eher zu regionalen Produkten zu greifen als jüngere.“ Sie gibt aber zu bedenken: „Meist ist es unklar, wer da genau befragt wurde. In einer Studie wird von der Mittelschicht gesprochen. Das ist auch meine Vermutung, denn meine Erfahrung ist, dass für Personen aus sozio-ökonomisch schwächerem Milieu andere Dinge wichtiger sind, als nach der Herkunft der Lebensmittel zu fragen.“

Regionalität kennzeichnen?

Viele Siegel oder Marken existieren bereits, die in unterschiedlichen Formen mit Regionalität werben. Dass es schwierig ist „Regionalität“ zu definieren, zeigt die Kennzeichnung durch das „Regionalfenster“, das seit Beginn dieses Jahres auf Produkten zu finden ist. Wie weit wird Regionalität geografisch gefasst? Ist nur die Herkunft der Rohstoffe entscheidend oder auch die Weiterverarbeitung? Welche Teile der Produktionskette sollen betrachtet werden? Das Regionalfenster ist daher keine Qualitätssiegel mit festgelegten Standards, sondern hat den Zweck, transparent zu machen, wie „regional“ ein Produkt tatsächlich ist. Peter Klingmann, der das Regionalfenster mit entwickelt hat, erklärt: „In der ersten Zeile stehen die Hauptzutaten und die Region, aus der sie kommen. In der zweiten Zeile steht der Ort des letzten Verarbeitungsschrittes und die dritte Zeile erfasst in Form einer Prozentzahl, wie viel Zutaten regional sind.“ Die Kennzeichnung ist freiwillig und umfasst derzeit laut Klingmann 2400 Artikel. 400 davon seien sogar Bioprodukte. Bisher gäbe es rund 300 Lizenznehmer.

Regionalität lässt sich sogar analytisch nachweisen…

Robert Hermanowski vom Forschungsinstitut für ökologischen Landbau stellte eine Methode vor, durch die man die Regionalität eines Produktes nachweisen kann. Er nutzt hierzu die unterschiedliche Wasserisotopzusammensetzung in verschiedenen Regionen. In Deutschland beispielsweise ist die Zusammensetzung von Wasserstoffatomen eine andere als in anderen Ländern. „Daher können wir relativ sicher feststellen, ob die Kirschen auf dem Wochenmarkt aus Ockstadt stammen oder aus der Türkei“, illustriert Hermanowski. Innerhalb Deutschlands seien die Unterschiede nicht so groß, aber die Methode reiche um festzustellen, ob Kartoffeln aus Israel oder Eier aus Frankreich kommen statt aus der Region.

Akteure aus Politik und Praxis im Dialog

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Diskussionsrunde v. l. nach r.: Rudolf Matkovic (Edeka Südwest), Lars Schubert (MIBUSA fresh GmbH), Hans-Werner Wege (Marburger Molkerei), Moderatorin Ulrike Arens-Azvedo, Thomas Zebunke (HMUKLV), Hartmut König (Verbraucherzentrale Hessen), Peter Klingmann (MGH Gutes aus Hessen GmbH)

In einer Diskussionsrunde gingen Akteure aus Lebensmittelhandel und -verarbeitung, aus dem Hessischen Umweltministerium und der Verbraucherzentrale der Frage nach, wie sich regionale Produkte stärker etablieren können. Dabei ging es einerseits um die Frage nach der Wertschätzung der Lebensmittel und inwieweit Verbraucher_innen bereit sind, für regionale Qualität mehr zu zahlen. Andererseits wurden Praktiken des Lebensmitteleinzelhandels kritisiert, der die Marktmacht habe die Erzeugerpreise zu drücken. Außerdem wurde die Außer-Haus-Verpflegung, also Restaurants sowie Großküchen in Schulen oder Altenheimen zum Beispiel, als Potenzialträgerin identifiziert, denn hier sei die Bio- oder Regionalquote deutlich ausbaufähig. Zudem sei die Gastronomie fähig, auch nicht so schön aussehende, nicht mehr verkaufsfähige Produkte zu verarbeiten. Diese Feststellung folgte auf die Thematisierung der Abfallmengen im Lebensmitteleinzelhandel seitens der Foodsharing-Gruppe. Diese stieß beim Lebensmittelhandel damit durchaus auf Kooperationsbereitschaft. Sowohl Lars Schubert von der MIBUSA fresh GmbH als auch Rudolf Matkovic der Handelsgruppe Edeka Südwest zeigten Bereitschaft, die nicht verkaufsfähige Ware weiterzugeben. Matkovic schätze die Abfallmengen mit 0,10 bis 0,20 Prozent des Gesamtumsatzes jedoch als relativ gering ein. Die Lebensmittelretter halten mit ihrer Erfahrung dagegen: „Absolut betrachtet sind das trotzdem große Mengen. Wir haben schon erlebt, dass noch gut aussehende Bananen kistenweise weggeworfen wurden, nur weil die frischen gerade angekommen waren.“

Regionalität hat auch Grenzen

Insbesondere im Hinblick auf den Selbstversorgungsgrad Hessens. „Mir fällt kein Produkt ein, bei dem der Selbstversorgungsgrad an die 100 Prozent reicht“, sagt Peter Klingmann von der MGH Gutes Aus Hessen GmbH. Auch die Arbeitsgruppe Ernährungsökologie untersuchte anhand von Kartoffeln, Karotten und Äpfeln den Selbstversorgungsgrad und kam zu ernüchternden Ergebnissen: „Obwohl man es nicht unbedingt vermuten würde, bei Äpfeln haben wir gerade einmal einen Selbstversorgungsgrad von 6,5 Prozent. Karotten schneiden mit 13 Prozent unwesentlich besser ab. Kartoffeln liegen bei etwa 50 Prozent.“ Eine Flächenumwidmung könne nur bedingt erfolgen. Und schließlich gäbe es Produkte, auf die die Meisten nicht verzichten wollen, darunter Kaffee oder Kakao, die auch in Zukunft hierzulande nicht wachsen werden.

„Vieles war für mich nicht so neu“, sagte eine Teilnehmerin am Ende der Tagung. „Es ist aber sehr nett, sich mit Leuten auszutauschen“. Eine andere Teilnehmerin resümierte: „Am Spannendsten für mich war diese Nachweismethode mit den Wasserstoffisotopen, das war mir bisher nicht bekannt.“

Die Tagung organsisierte das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUKLV) zusammen mit dem Institut für Ernährungswissenschaft der Justus-Liebig-Universität. Rund 160 Personen haben daran teilgenommen.

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