Follow Your Trash #1: Wo der Gießener Restmüll landet

Die 20-Tonner kippen den Inhalt in den Müllbunker

Die 20-Tonner kippen den Inhalt in den Müllbunker

Vier Tonnen stehen in der Regel in den Höfen der Gießener Haushalte: für Restmüll, Papier, Bioabfälle und Verpackungen. Deutschland sei Meister im Mülltrennen, so heißt es. Wo aber landen die einzelnen Müllfraktionen? Werden die Abfälle noch sinnvoll genutzt? Und gibt es vielleicht sogar bessere Verfahren der Verwertung, als wir sie hier vorfinden? Diese und mehr Fragen möchte diese Serie beantworten. Auftakt macht die schwarze Tonne, in der alles landet, was nirgendwo sonst rein passt.

Eine Mischung aus Fisch und Verbranntem strömt durch die Luft beim Passieren des Anlagengeländes des Müllheizkraftwerks in Frankfurt am Main. Eine ganze Reihe von Anlagen sind nicht nur „Müllverbrennungsanlagen“, sondern „Müllheizkraftwerke“ (MHKW), in denen die Abwärme genutzt wird, wie in Frankfurt. „Unser Kraftwerk versorgt den ganzen Frankfurter Norden mit 30 000 Wohneinheiten“, erklärt Michael Werner, Pressesprecher des MHKW Frankfurt, bei der Besichtigung der Anlage. „Eine Erweiterung ist geplant, neu angeschlossen sind bereits das Polizeipräsidium und die Universität.“ Das Besondere ist: Hier landet der Restmüll aus Gießen und Landkreis! „Die Gießener halten uns damit die Bude warm!“, freut sich Werner. Pro Tag werden etwa 100 Tonnen Restmüll über 60 Kilometer aus Gießen nach Frankfurt befördert. Die Anlage hat eine Verbrennungskapazität von 1900 Tonnen pro Tag. Hier landet außerdem noch der Restmüll der Stadt Frankfurt und weiterer Landkreise aus dem Rhein-Main Gebiet sowie der Gewerbemüll verschiedener Betriebe. Damit sich der Transport aus Gießen lohnt, wird der Inhalt der Müllautos auf der Müllumladestation des Abfallwirtschaftszentrums in der Lahnstraße in 20-Tonnen-Laster verladen. Etwa drei Müllautos passen in einen LKW. Fünf dieser Laster machen sich täglich auf den Weg von Gießen nach Frankfurt.

Seit 2005 muss der Restmüll vorbehandelt werden und darf nicht einfach so auf der Deponie landen. Seitdem sind die Verbrennungskapazitäten in Deutschland großzügig ausgebaut worden. Hier und da sind auch neue Verbrennungsanlagen entstanden. Das MHKW Frankfurt gibt es bereits seit 1965. Die Anlage befindet sich weiterhin im Besitz der Stadt Frankfurt und wird heute heute von der FES Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH und dem Energieversorger Mainova betrieben.

Sperrige Abfälle gelangen in einen Schredder bevor sie den Müllbunker erreichen

Sperrige Abfälle gelangen in einen Schredder bevor sie den Müllbunker erreichen

Die Verbrennung

Was passiert mit dem Müll, der dann in dem bis zu 8000 Tonnen fassenden Müllbunker landet? Vorsortiert wird der Müll nicht, obwohl er durchaus Wertstoffe enthält. „Das wäre zu aufwendig, eine Sortieranlage vorzuschalten. Wir gewinnen Altmetalle aus der Schlacke zurück. Das passiert in der Schlackeaufbereitungsanlage“, verrät Werner. Ein Riesengreifer im Müllbunker verlädt den Müll portionsweise auf einen der drei Roste. Rostfeuerung nennt man dieses Verfahren, bei dem der Müll bei mindestens 850 Grad Celsius verbrennt. Etwas unangenehm ist der Geruch, der sich in Ofennähe ausbreitet, und doch typisch für Industrieanlagen. Vier Feuerungskessel gibt es insgesamt, davon sind drei kontinuierlich in Betrieb. Einmal im Jahr ist Revision, bei der die Bauteile auf ihre Funktionstüchigkeit überprüft werden. Die Kessel werden danach wieder hochgefahren, dazu ist Heizöl notwendig, da der Müll erst ab einer höheren Temperatur selbstgängig brennt. „Im Normalfall läuft die Verbrennung dann idealerweise stetig durch“, sagt Werner. Ein Computer zeichnet den Prozess auf und gibt in Abhängigkeit der Feuchte des Mülls nach Bedarf Luft über ein Gebläse hinzu. Sinkt die Temperatur, muss mit Heizöl zugefeuert werden. Die bei der Verbrennung entstehende Hitze erwärmt Wasser auf eine Temperatur von 500 Grad Celsius bei 60 Bar Druck. Der dabei entstehende Dampf wird in das Fernwärmenetz eingespeist. Über eine 40 Megawatt Turbine wird außerdem noch, allerdings in geringerem Maße, Strom erzeugt, der in das Stromnetz eingespeist wird.

Doch was ist mit den ganzen Schadstoffen, die im Restmüll sind oder im Verbrennungsprozess entstehen? Wo landen die Schwermetalle, die durch eine Verbrennung ja nicht einfach verschwinden? „Wir haben eine ausgefeilte Rauchgasreinigung. Da werden alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten und die schädlichen Stoffe zurückgehalten“, sagt Werner und spricht über den ‚Circoclean-Reaktor‘.

In diesem Big-Bags landet der Inhalt des

In diesem Big-Bags landet der Inhalt des „Reststoffsilos“

Die Rauchgase, die die Schadstoffe aus der Verbrennung enthalten, werden mit Herd-Ofen-Koks (HOK), eine Art Aktivkohle, die aus Braunkohle hergestellt wird, und mit Kalk versetzt und dadurch gereinigt. Am Gewebefilter setzt sich der belastete Feinstaub ab und landet schließlich im „Reststoffsilo“. Mit diesen „Reststoffen“ lässt sich nicht viel anfangen. Sie müssen sicher deponiert werden. Hierzu werden sie in Big Bags verfüllt und werden in die Südwestdeutschen Salzwerke bei Heilbronn gebracht. Dort werden damit die Abräume verfüllt. Dass das unproblematisch ist, bestätigt Hartmut Hoffmann, Sprecher des Arbeitskreises Abfall und Rohstoffe des BUND e.V.: „Wenn der anfallende giftige Staub mit den Reaktionsprodukten aus der Rauchgasreinigung wirklich in Big Bags gefüllt und untertage in einem Kalibergwerk abgelagert wird, ist das noch vertretbar. Es gibt auch Betreiber, die diese Rückstände einfach mit Flüssigkeiten mischen und das Ganze dann unverpackt unter Tage pumpen. Das sehen wir als sehr viel gefährlicher an.“

Insgesamt hat sich in der Müllverbrennung viel getan. Noch in den 80er Jahren gab es Probleme mit der Schadstoffgruppe der Dioxine. Durch die hohen Verbrennungstemperaturen und die Zugabe von HOK bei der Rauchgasreinigung werden sie heutzutage fast vollständig abgefangen. Auch Schwefeldioxid und Stickoxide gehören zu problematischen Luftschadstoffen, die heute aber durch die Reaktion mit dem zugegebenen Kalk abgetrennt werden.

Echtzeitüberwachung des Verbrennungsprozesses in der Schaltzentrale

Echtzeitüberwachung des Verbrennungsprozesses in der Schaltzentrale

In der Schaltzentrale stehen Bildschirme, auf denen in Echtzeit die Schadstoffbelastung ablesbar ist. „Die Grenzwerte werden, wie Sie hier sehen können, um ein Vielfaches unterschritten“, sagt Werner. Hoffmann vom BUND gibt allerdings zu bedenken: „Der Energieaufwand zur Reinigung der Rauchgase ist erheblich, und das führt mit dazu, dass Müllverbrennungsanlagen einen schlechten Wirkungsgrad haben.“ Ein Blick auf die Energiebilanz des MHKW Frankfurt für 2013 zeigt: 482 948 Tonnen Abfall mit einem durchschnittlichen Heizwert von etwa 10 Megajoule pro Tonne lieferten 230 907 Megawattstunden Strom und 374 837 Megawattstunden Wärme. Daraus resultiert ein Wirkungsgrad von rund 45 Prozent. Hiervon müssten allerdings noch die fossilen Brennstoffe abgezogen werden, die notwendig sind, um die Kessel hochzufahren. „Unsere Anlage gehört zu denen mit höheren Wirkungsgraden. Das liegt daran, dass es sich um eine neu sanierte Anlage handelt“, erklärt Werner. Zum Vergleich: Der NABU (Naturschutzbund Deutschland) fordert in seiner Studie zu Abfallkapazitäten für alle Müllverbrennungsanlagen einen Wirkungsgrad von mindestens 75 Prozent. Werner hält diesen hohen Wirkungsgrad für utopisch: „Höchstens bei Neuanlagen oder bei Anlagen, die Sanierung werden müssen, kann man probieren den Wirkungsgrad hochzutrieben. Ich glaube aber nicht, dass man auf 75 Prozent kommen würde.“ Andere Technologien wie Blockheizkraftwerke, die auch Strom und Wärme produzieren, können einen Wirkungsgrad von rund 90 Prozent erreichen.

Durch eine Scheibe kann man den lodernden Flammen ins Auge sehen

Durch eine Scheibe kann man den lodernden Flammen ins Auge sehen

Bei der Verbrennung bleibt Asche übrig. Sie fällt durch den Rost in ein Wasserbad und wird dort „abgekühlt“. Das ist der Geruch, den man bei der Geländebegehung zu Beginn wahrnehmen konnte. Durch den Rost können auch unvollständig verbrannte Teile fallen. Insbesondere unvollständige Verbrennungsprozesse können Schadstoffe erzeugen. Wie „sauber“ die Schlacke, also die Asche, die übrig bleibt, dann tatsächlich ist, kann stark variieren, wie Hoffmann erklärt: „Die Schlacke kann durchaus noch einige organische Schadstoffe enthalten. Die Qualität von Schlacken ist nicht konstant, sie reicht von ‚belastet‘ bis ’nahezu unbedenklich‘. Wir sehen daher, zumal gar nicht so viele Analysen gemacht werden können wie notwendig wäre, die Verwendung von Schlacke im Straßenbau wegen einer möglichen Belastung von Grundwasser äußerst kritisch. Als Deponieabdeckungsmaterial könnte sie Verwendung finden, wenn die Basisabdichtung der Deponie ausreichend ist.“ Die Schlacke aus dem MHKW gelangt in die Schlackeaufbereitungsanlage in Wicker, Flörsheim, wo etwa sieben Gewichtsprozent an Metallen herausgeholt werden können. Der Rest dient tatsächlich zur Verfüllung der Deponie, auf deren Gelände die Schlackeaufbereitungsanlage steht.

Alternative Behandlungsverfahren

Eine Verbrennung ist nicht die einzige Möglichkeit, den Abfall vorzubehandeln. Eine weitere Behandlungsmethode ist die mechanisch-biologische. In diesen Anlagen, auch MBAs genannt, wird der Restmüll mechanisch getrennt, dabei werden Metalle abgeschieden und Steine und Scherben abgesiebt, so dass ein Gemisch aus verschmutzten Wertstoffen und organischem Material übrig bleibt. Die verschmutzten Wertstoffe sind ein Gemisch, das viel Kunststoff enthält. Und dieses Gemisch hat mit etwa 15 Megajoule pro Tonne einen höheren Heizwert als Restmüll. Deshalb wird es in Müllverbrennungs- oder Industrieanlagen als Ersatzbrennstoff genutzt. Das organische Material hingegen wird wie bei einer Kompostierung durch Mikroorganismen umgesetzt und wird dann auf einer Deponie abgelagert. In der Vergangenheit hatten MBAs Probleme mit der Reinigung der Abluft, die viele organische Stoffe, darunter Mikroorganismen enthielt. Die Filtermethoden sind inzwischen optimiert worden.

„Die mechanisch-biologische Vorbehandlung schneidet unseres Erachtens im Vergleich zur Verbrennung deutlich besser ab“, zieht Hoffmann sein Fazit. „Im Reingas, also in den gereinigten Abgasen, sind bei einer MBA deutlich weniger Schadstoffe zu verzeichnen. Durch die niedrigeren Temperaturen werden weniger Schadstoffe mobilisiert, sie verbleiben überwiegend in dem festem, erdähnlichen Rest. Studien zeigen, dass auch weniger Treibhausgase emittiert werden und die Investitionskosten niedriger sind. Allerdings sollten die Anlagen, die Ersatzbrennstoffe nutzen, mit ihrer Rauchgasreinigung die gleichen Standards wie Müllverbrennungsanlagen erfüllen.“ „Das MHKW in Frankfurt ist aus meiner Sicht die bessere Lösung“, sagt Werner, „denn die Anlage steht nun mal schon seit vielen Jahrzehnten da und wurde immer dem Stand der Technik angepasst. Dass sie sich mitten in der Stadt befindet, ist für die Wärmeeinspeisung von Vorteil. Es würde wenig Sinn machen, eine neue MBA am Stadtrand zu bauen.“

Schornstein des MHKW Frankfurt und Heizöltank im Vordergrund

Schornstein des MHKW Frankfurt und Heizöltank im Vordergrund

Die Zukunft der Müllverbrennung

„Historisch sind Müllverbrennungsanlagen entstanden, weil wir unseren Konsum so hoch gefahren haben. So lange wir also immer noch so viel Müll produzieren, ist ein lokales Müllheizkraftwerk ein geeigneter Baustein für eine dezentrale Energieversorgung“, meint Werner. Das Öko-Institut hingegen schätzt den Beitrag von Müllheizkraftwerken für die Energiewende eher gering ein: Es hält Müllheizkraftwerke für wenig flexibel, um Stromschwankungen der erneuerbaren Energien auszugleichen bei gleichzeitig relativ hohen CO2-Emissionen. Aus Sicht des Umweltschutzes steht fest: In die Müllverbrennung sollten nur die Stoffe, die auf keine andere Art und Weise verwertet werden können. „Abfallvermeidung steht an erster Stelle, aber auch durch Recycling lässt sich deutlich mehr Energie sparen als durch eine ‚energetische Verwertung’“, gibt Hoffmann zu bedenken, „denn bei dieser geht die Energie, die notwendig war, um aus Rohstoffen das Produkt herzustellen, zu 100 Prozent verloren.“

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2 Antworten

  1. Wirkungsgrad hin oder her, mit sind Müllverbrennungsanlagen ein Dorn im Auge. Zum einen „brauchen“ sie stets ausreichend Müll, das kann politisch nach hinten losgehen, Stichwort Mülltourismus. Zum anderen produzieren sie höchst unflexibel ihre Energie, selbst bei der Kraft-Wärme-Koppelung sind sie für die Energiewirtschaft der Zukunft nicht geeignet: Das Ökoinstitut weist darauf hin, dass es ohnehin genug Grundlastkraftwerke gibt, ihre Parole ist „Recycling zuerst – Energiewende ohne Müllverbrennung“. http://www.oeko.de/presse/pressemitteilungen/archiv-pressemitteilungen/2014/recycling-zuerst-energiewende-ohne-muellverbrennung/

    Andreas

  2. Am 14.11.2014 wird die Stadt Gießen, bzw. die Stadtwerke Gießen in einer Veranstaltung ihr Energiekonzept vorstellen (Rathaus, Stadtverordnetensaal, 17:00). Anlass ist die Zusage der Oberbürgermeisterin den aktuellen Bebauungsplan Technologiepark Süd mit einer Bürgerbeteiligung zu begleiten. Nach Aussage des (noch) amtierenden Technik-Vorstand der SWG Reinhard Paul soll am Leihgesterner Weg (Südviertel Gießen) ein „Hauptenergieproduktionsstandort“ entstehen. Neben den bereits vorhandenen Anlagen des sog. Uni-Heizkraftwerkes und der TREA I sollen noch eine TREA II (bereits im Bimsch-Verfahren) und mittelfristig ein Biomasseheizkraftwerk (mit 19,5 MW Leistung!) erstellt werden. Insgesamt werden im Bebauungsplan 159 MW als Produktionsleistung für den Standort angegeben. Dazu gibt es bereits über die Bahngleise am Erdkauter Weg hinweg die Müllsortierung der SBM, die den Müll für die TREA I+II aufbereitet. Wer nähere Informationen dazu haben will findet diese unter lebenswertes-giessen.com und sollte auf jeden Fall am 14.11. ins Rathaus kommen und der Stadt/den Stadtwerken auf den Zahn fühlen.

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