Follow Your Trash #2: „Wird die Deponie undicht, kann alles von vorne losgehen“

Ziegen grasen auf der Wiese. Dass es sich um eine Mülldeponie in der Stilllegungsphase handelt, ist erst einmal nicht ersichtlich.

Altdeponie Reiskirchen: Ziegen grasen auf der Wiese. Dass es sich um eine Mülldeponie in der Stilllegungsphase handelt, ist erst einmal nicht ersichtlich.

Verfolgt man den Inhalt der schwarzen Tonne, so löst dieser sich mit der Müllverbrennung nicht auf. Die Schlacke, die übrig bleibt, muss auf die Deponie. Im Landkreis wurde der unverbrannte Hausmüll bis 1993 bei Gießen Allendorf und bis 2001 in Reiskirchen deponiert. Heute gelangt er nach der Verbrennung auf die Rhein-Main-Deponie in Flörsheim-Wicker.

Mit Gras bewachsene Hügel, hier und da Sträucher, nichts weist darauf hin, dass hier einmal Müll abgelagert wurde. Oder doch? „Wenn es sich um einen Berg handelt, der gar nicht in die Landschaft passt, dann kann das ein Hinweis sein. Ist das Areal dann auch noch umzäunt und sieht man Gasbrunnen, dann kann man davon ausgehen, dass es sich um eine stillgelegte Deponie handelt“, zählt Klaus Formella die Merkmale auf, die das geschulte Auge erkennt. Er ist Sachgebietsleiter Abfalltechnik beim Landkreis Gießen und die beiden Altdeponien in Reiskirchen und in Allendorf gehören in seinen Zuständigkeitsbereich. „Reiskirchen wurde 2001 geschlossen, in den nächsten Jahren kommt hier die Oberflächenabdichtung drauf“, erklärt er. Die Oberflächenabdichtung sorgt dafür, dass kein Regenwasser mehr in den Deponiekörper, wie es im Fachjargon heißt, eindringen kann. Dadurch soll er innen austrocknen, während das restliche Sickerwasser weiterhin abgeleitet wird. Wenn keine Feuchtigkeit mehr vorhanden ist, dann stoppen auch die Umsetzungsprozesse, die zu Teil giftige Reaktionsprodukte und das Treibhausgas Methan entstehen lassen. Die Abdichtung muss dabei nachgewiesenermaßen 100 Jahren lang halten. „Das wird durch Laborversuche getestet und dann auf 100 Jahre hochgerechnet. Wie lange die Abdichtung tatsächlich hält, wird sich zeigen. Wir legen die Deponie zwar trocken. Das noch nicht umgesetzte organische Material bleibt aber weiterhin bestehen. Das heißt, sollte die Abdichtung irgendwann undicht werden, kann das Ganze von vorne losgehen“, warnt Formella. In der Deponie Reiskirchen landete der Gießener Hausmüll damals noch unbehandelt. Seit 2005 muss er vor der Ablagerung entweder verbrannt oder mechanisch-biologisch behandelt werden. Ziel ist es, die Organik, also die reaktiven Bestandteile, auf ein Minimum zu reduzieren, damit keine Schadstoffe austreten und sich kein Deponiegas mehr bildet. Das Deponiegas, das derzeit allerdings noch auf den alten Deponien austritt, wird, so weit es möglich ist, genutzt. Bestehend zu 50 bis 60 Prozent aus Methan, eignet es sich für die Verwertung in einem Verbrennungsmotor. „Wir müssen das Gas nicht abfackeln, stattdessen erzeugt ein Blockheizkraftwerk der Stadtwerke Gießen daraus Strom und Fernwärme für Reiskirchen“, sagt Formella.

60 bis 70 Grad Celsius hat die frische Schlacke, die angeliefert wird. Daher ist sie auch noch am Dampfen.

60 bis 70 Grad Celsius hat die frische Schlacke, die angeliefert wird. Daher ist sie auch noch am Dampfen.

Von der Schlackeaufbereitung auf die Deponie

Der Gießener Hausmüll wird inzwischen im Müllheizkraftwerk (MHKW) Frankfurt verbrannt. Übrig bleibt Schlacke. Und die landet auf einer ganz anderen Deponie, der Rhein-Main Deponie in Flörsheim-Wicker (RMD). Zuvor passiert sie aber noch die benachbarte Schlackeaufbereitungsanlage. Mit LKWs angeliefert wird sie hier in verschiedenen Schritten von Metallen befreit. Ein Bagger greift den Langschrott heraus, Siebtrommeln sortieren verschiedene Korngrößen.

Förderbänder transportieren die verschiedenen Korngrößen, wo die Metalle abgeschieden werden.

Förderbänder transportieren die verschiedenen Korngrößen, wo die Metalle abgeschieden werden.

Diese Teilströme laufen unter einem Magnetabscheider durch, der Eisenmetalle aussortiert. Nichteisenmetalle werden durch einen Wirbelstromabscheider abgetrennt: Die Aluminium- oder Kupferteile werden durch ein Magnetfeld in ihrer Fallkurve beeinflusst. So lassen sie sich von dem restlichen steinartigen Material trennen. Von dem Eingangsmaterial lassen sich sieben Gewichtsprozent Metalle herausholen. Ein geringer Anteil von 0,3 Prozent sind unverbrannte Teile. „Dazu gehört hier die Kartonage oder die Platikreste, die man zwischendurch sieht. Das gibt es immer wieder, weil auf dem Rost nie alles gleichmäßig verbrennt“, sagt Michael Werner, Pressesprecher des MHKW Frankfurt. „Diese Fraktion geht zurück in die Müllverbrennung.“

Schlacken mit unterschiedlicher Korngröße werden aufbereitet. Hier haben die Körner einen Durchmesser von 10 Millimetern.

Schlacken mit unterschiedlicher Korngröße werden aufbereitet. Hier haben die Körner einen Durchmesser von 10 Millimetern.

Nach der Aufbereitung kann die Schlacke aber noch nicht gleich deponiert werden, sie muss erst noch ein viertel Jahr lagern. Das liegt daran, dass sie trotz Verbrennung immer noch organische Substanzen enthält, die unerwünschte Reaktionen mit sich bringen können und die sich während der Lagerung zersetzen sollen. Ein zertifiziertes Labor, das den Auftrag über Ausschreibungen erhält, untersucht die Schlacke vierteljährlich auf organische Schadstoffe und Schwermetalle. Je nach Konzentrationen der Schadstoffe darf die Schlacke dann nur für bestimmte Zwecke verwendet werden. Grundlage ist die Länderarbeitschgemeinschaft Abfall (LAGA 20). Da eine Deponie bestimmte Sicherungsanforderungen erfüllen muss, können auch relativ belastete Schlacken auf der Deponie landen, bzw. müssen es auch, weil sie nicht anderweitig verwertbar sind. Schlacken könnten ansonsten auch im Straßenbau eingesetzt werden, was in Hessen jedoch nicht erlaubt ist. „Die Wiederverwendung im Straßenbau ist ja im Prinzip eine gute Idee, das Bitumen darunter ist schließlich dicht. Aber Straßen halten leider auch nicht ewig. Man weiß also nicht, wann eine Straße sanierungsbefürftig wird“, äußert Formella seine Meinung. „Zudem muss der Informationsfluss stimmen, sonst könnten Straßenarbeiter gefährdet werden, wenn sie mit gefährlichem Bauschutt in Berührung kommen.“

Aussortierter Eisenschrott. Der geht weiter an einen Schrotthändler.

Aussortierter Eisenschrott. Der geht weiter an einen Schrotthändler.

1968 wurde die Kiesgrube in Flörsheim-Wicker zur Deponie ausgebaut. Seit 2005 werden nur noch vorbehandelte Abfälle angenommen. Seitdem befindet sich die Deponie in der sogenannten Stilllegungsphase. „Es werden jetzt nur noch mineralische Abfälle zur Endprofilierung, Sanierung und Rekultivierung angenommen. Das sind überwiegend Bodenaushub, Steine, geeigneter Bauschutt, Gießereiabfälle und Schlacken oder Aschen aus der Abfallverbrennung“; sagt Peter Wagner, Prokurist der RMD. Die Profilierung wird vorgenommen, um die Steigung der Hügel anzupassen – sie dürfen nicht zu steil sein. Im nächsten Schritt kommt die Abdichtung drauf. Formella erklärt: „Für die Abdichtung gibt es dabei kein vorgeschriebenes Material. Wichtig ist, dass die gesetzlichen Bestimmungen zur Undurchlässigkeit eingehalten werden. Zum Beispiel kann ein Kunststoffvlies drauf kommen und dann eine Schicht Ton. Es folgt eine Entwässerungsschicht, ein erneutes Vlies als Trennschicht und dann der Oberboden.“ Der Oberboden ist wichtig für die Rekultivierung. Hier soll wieder eine naturnahe Landschaft entstehen. Erst wenn diese verschiedenen Kriterien erfüllt sind, kann die Deponie aus der Stilllegungs- in die Nachsorgephase übergehen. Auch in dieser Phase bleibt die Deponie unter Beobachtung. „Die Nachsorgephase kann je nach Bedingungen 20 oder auch 100 Jahre dauern. Erst wenn keine Schadstoffe mehr aus der Deponie ausgespült werden, kann ein Antrag auf Entlassung aus der Nachsorge gestellt werden.“ Doch nun ist vorstellbar, dass die Abdichtung undicht und die mumifizierte Deponie wieder aktiv wird. Wenn dann erneut Schadstoffe austreten, müsste man die Deponie wieder unter Beobachtung stellen. Dazu müsste man den Schadstoffaustritt aber vor allem bemerken, und darin liegt die Schwierigkeit. „Nach so langen Zeiträumen darf bezweifelt werden, dass ein Schadstoffaustritt überhaupt auffallen wird, sofern nicht andere schützenswerten Güter unmittelbar betroffen sind“, gibt Formella zu bedenken.

Einen Überblick über derzeit noch in Betrieb befindliche Deponien liefert der Umweltatlas Hessen.

um eine Grundwassergefährdung auszuschließen…

Die Ultrafiltration: Feststoffe kommen durch die Mikroporen nicht durch.

Die Ultrafiltration: Feststoffe kommen durch die Mikroporen nicht durch.

Wie die Rhein-Main Deponie Flörsheim-Wicker existiert die Deponie Reiskirchen auch schon deutlich länger als das Regelwerk zum Multibarrierenkonzept. Dieses schreibt seit 1993 gesetzlich fest, wie die Basisabdichtung aber auch die Oberflächenabdichtung einer Deponie beschaffen sein muss. Die meisten Deponien sind in den 60er und 70er Jahren entstanden, oft wurden mit dem Hausmüll Bergbaugruben verfüllt, die nach unten hin mehr oder minder dicht waren. Da eine Basisabdichtung nicht nachträglich eingebaut werden kann, muss heute daher geprüft werden, wie das Grundwasser verläuft, um dieses nicht zu gefährden. Was im Gefährdungsfall für Maßnahmen ergriffen werden können und müssen, wird am Beispiel Flörsheim-Wicker deutlich: In Teilbereichen wurde eine Dichtwand eingebaut, damit weder Grundwasser in den Deponiekörper eindringen kann, noch Sickerwasser in jenes austritt. Zusätzlich wird das belastete Grundwasser gereinigt. Ein aufwendiges Verfahren, weiß Formella: „Eine Dichtwand zu bauen ist teuer, Grundwasserströme zu managen erfordert viel Energie, beispielsweise durch Pumpen und Reinigen, und ist vor allem ein sehr, sehr langfristiges Konzept, das, wenn zukünftig keine anderen technischen Möglichkeiten entwickelt werden, generationenübergreifend in Betrieb gehalten werden muss.“

Ein Ultrafiltrations-Rohr in der Nahaufnahme. Das Wasser wird außen hineingepumpt und gelangt durch Mikroporen in die Leitungen innerhalb des Rohrs.

Ein Ultrafiltrations-Rohr in der Nahaufnahme. Das Wasser wird außen hineingepumpt und gelangt durch Mikroporen in die Leitungen innerhalb des Rohrs.

Das Sickerwasser der Deponie gelangt in eine Sickerwasserbehandlungsanlage, die man sich wie eine konzentrierte Kläranlage vorstellen kann. Der Stickstoffgehalt des braunen Sickerwassers wird in einer biologischen Stufe reduziert. Dann folgt die Ultrafiltration, eine mechanische Entfernung von Feststoffen. Als letzten Schritt fließt das Sickerwasser durch Aktivkohlefilter, wo organische Schadstoffe und zum Teil auch Schwermetalle gebunden werden. Der Deponiebetreiber überprüft das Sickerwasser zwei mal wöchentlich auf Stickstoff- und Kohlenstoffverbindungen.

Der Aktivkohlefilter: In diesen Behältnissen befindet sich Aktivkohle, Kohle mit besonders großer Oberfläche. Hieran binden Schadstoffe.

Der Aktivkohlefilter: In diesen Behältnissen befindet sich Aktivkohle, Kohle mit besonders großer Oberfläche. Hieran binden Schadstoffe.

Alle Wasserströme, also das Oberflächen-, das Sicker- und das Grundwasser werden vierteljährlich – ähnlich wie auch die Schlacke – durch ein zertifiziertes Labor auf weitere Parameter, darunter Schwermetalle und organische Schadstoffe, untersucht. All diese Ergebnisse sind im Eigenkontrollbericht einsehbar, der ein Mal im Jahr der zuständigen Kontrollbehörde, nämlich dem Regierungspräsidium, vorgelegt werden muss. „Wenn es zum Beispiel Auffälligkeiten bei den Grundwasserwerten gibt, sucht man erst einmal nach der Ursache“, erklärt Formella. Grundlage bilden sogenannte Auslöseschwellenwerte oder Prüfwerte, die mindestens so streng sind, wie die Grenzwerte in der Trinkwasserverordnung. „Wenn zum Beispiel an einer Stelle der Wert für Zink überschritten ist, dann kann es darauf zurückzuführen sein, dass es sich um ein verzinktes Rohr handelt. Wenn sich allerdings doch herausstellt, dass der Deponiekörper leckt und wenn das eine Gefährdung für Bevölkerung und Natur darstellt, dann müssen weitere Maßnahmen ergriffen werden“, sagt Formella. Die Prüfwerte dienen dazu, vorausschauend Konzepte oder Maßnahmen entwickeln zu können. Der Landkreis erarbeitet diese zusammen mit dem Regierungspräsidium. Es mag verwundern, dass die Kontrollbehörde in diesem Falle mit dem Deponiebetreiber kooperiert und es keine Bußgelder oder Ähnliches gibt. Formellas Erklärung: „Eigentlich müsste ja der Verursacher, also der Müllproduzent, dann mit einbezogen werden. Und das geht halt nicht.“ Der Betriebsleiter werde nur in gravierenden Fällen verantwortlich gemacht, dann wenn Fahrlässigkeit oder vorsätzliche Handlung nachgewiesen wird.

Das Sickerwasser wird mit jeder Reinigungsstufe klarer. Links: unbehandelt, rechts: nach dem zweiten Aktivkohlefilter.

Das Sickerwasser wird mit jeder Reinigungsstufe klarer: Rechts: unbehandelt, links: nach dem zweiten Aktivkohlefilter.

Zukünftige Herausforderungen

Zu einer Schwierigkeit können Stoffgruppen werden, die noch nicht standardmäßig untersucht werden, wie zum Beispiel PFT, perfluorierte Tenside, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Eine andere sind Nonylphenole, waschaktive Substanzen, die in schon in geringen Mengen hormonell wirken. „Da muss man schauen, wie plausibel es ist, dass dieser Stoff aus der Deponie stammt. War er schon vor 2000 in Produkten enthalten, die in jener Zeit weggeworfen wurden?“, verdeutlicht Formella. „Vor einigen Jahren gab es bei uns einen PFT-Verdacht. Bei näherer Untersuchung konnte allerdings nicht bestätigt werden, dass der Stoff aus der Deponie herrührt.“

Im Rahmen des Diskurses um begrenzte Ressourcen wird „Urban Mining“ zum viel diskutierten Thema, die Frage also, ob Müllkippen von damals die Rohstofflager der Zukunft sein könnten. Auch in Reiskirchen wurde eine Untersuchung zu dieser Frage durchgeführt. „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Urban Mining derzeit unwirtschaftlich ist, da der Rückbau sehr kostenintensiv ist und die Wertstoffe in der Deponie nicht ertragreich genug sind“, sagt Benjamin Habenicht. Also werden die Schafe und Ziegen erst einmal weiterhin als „lebende Rasenmäher“ die Pflege der vom Konsumverhalten der Menschen herrührenden Landschaft übernehmen. Tatsächlich entwickeln sich geschlossene Deponien zu Rückzugsorten für Tiere.

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