Herausforderung Klimawandel – Hoffnungsträger Pflanzenkohle

Claudia Kammann stellt ihre Ergebnisse vor.

Claudia Kammann stellt ihre Ergebnisse vor.

Pflanzenkohle ist in aller Munde. Sie sei das Mittel zum „Klimagärtnern“ und würde die Bodenfruchtbarkeit massiv verbessern. Prof. Dr. Claudia Kammann hat an der Universität Gießen zu dem Thema geforscht und stellte einige Ergebnisse nun einem breiteren Publikum vor. Die BUND Kreisgruppe Gießen hatte sie eingeladen.

„2006 habe ich das erste mal etwas von Pflanzenkohle gelesen. Und dann ging es ganz schnell, dass das Thema plötzlich weite Verbreitung fand“, beschreibt Kammann ihre erste Berührung mit dem Thema. Inzwischen sind einige Jahre vergangen, in denen sie an der Universität Gießen zum Thema geforscht hat. Zur Zeit arbeitet sie an der Hochschule Geisenheim und ist immer noch am Thema dran. „Ich denke die Popularität von Pflanzenkohle lässt sich auf einen Bewusstseinswandel zurückführen.“ Sie weist auf den Klimawandel hin und die damit verbundenen Effekte für Mensch und Umwelt. In Pflanzenkohle werden derzeit große Hoffnungen gesetzt. „Es geht erstens um eine Energieerzeugung mit negativer CO2-Bilanz, zweitens um die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und drittens um die Minderung von Treibhausgasen.“ Um zu erklären, wie die Pflanzenkohle dazu beitragen kann, gilt es näher ins Detail zu gehen: Um Pflanzenkohle herzustellen, bedarf es eines Energieschubs zum Anfahren, danach erfolgt die Verkohlung selbstgängig. Es handelt sich um eine negative CO2-Bilanz, denn der Prozess generiert nutzbare Wärmeenergie und lässt stabile Kohlenstoffverbindungen, aus CO2, das zuvor durch Pflanzenwachstum der Atmosphäre entzogen wurde, entstehen. Als Bodenverbesserer scheint vor allem Pflanzenkohle aus dem Pyrolyseverfahren vielversprechend. Durch ihre große Oberfläche bietet sie Lebensraum für wichtige Mikroorganismen und verbessert das Bodengefüge. Es gibt auch Hinweise, dass im Boden eingearbeitete Pyrolysekohle die Bildung von Lachgas, ein weiteres Treibhausgas, vermindert.

Kammann möchte nicht das eine oder andere anpreisen, sondern vor allem den wissenschaftlichen Stand darlegen. So ist der Vortrag, den sie hält, auch recht fachspezifisch angelegt. Sie stellt die Ergebnisse aus ihren Forschungen vor. „Ein überraschendes Ergebnis war, dass Pflanzenkohle die Stickstoffauswaschungen mindert.“ Positiv zu werten ist dies deshalb, weil weniger Nitrat ins Grundwasser gelangt. Dass Kohle eine hohe Kationenaustauschkapazität habe, hätte man erwarten. Auf welche Weise sie aber auch Anionen in Form von Stickstoff- und Phosphorverbindungen bindet, sei noch nicht aufgeklärt. Ein weiterer Versuch war der Salatkeimungstest. „Wir haben auf verschiedenen Pflanzenkohlesubstraten Salatsaaten wachsen lassen. Darunter befand sich Pflanzenkohle aus dem Pyrolyseverfahren, aus dem HTC-Verfahren und solche, die schadstoffbelastet war. Die Keimrate und das Wachstum war im Substrat mit der schadstoffbelasteten Kohle am schlechtesten. Die Pyrokohle hat gegenüber der HTC-Kohle besser abgeschnitten.“ Den Salatkeimungstest könne man übrigens auch zu Hause im Garten ausprobieren. Für diejenigen, die selbstgemachte Pflanzenkohle auf ihre Qualität testen wollen. Auch Pyrolysekocher lassen sich nach Anleitungen im Internet selber bauen. Für alle, die Pflanzenkohle kaufen wollen empfiehlt Kammann, auf das EU Biochar Siegel zu achten. „Das garantiert Schadstofffreiheit und eine nachhaltige Erzeugung.“

Kammanns Untersuchungen zeigen, dass man nicht von der Pflanzenkohle sprechen kann. Ihre Eigenschaften varriieren vielmehr in Abhängigkeit vom Herstellungverfahren sowie der Bedingungen während des Herstellungsprozesses. Sie fand bei ihren Versuchen auch heraus, dass ein Kompost, der mit der Zugabe von Pflanzenkohle hergestellt wurde, auf den Boden deutlich stärkere positive Effekte hat, als reine Pflanzenkohle auf das Feld zu streuen. „Insofern würde es Sinn machen, Pflanzenkohle in der Tierhaltung direkt in der Einstreu zu verwenden. Diese kann danach kompostiert werden und die Pflanzenkohle ist von Beginn an in der Kette mit drin.“ Kammann möchte den Kreislaufgedanken stark machen. „Damit das Ökosystem funktioniert, ist es wichtig, die regionalen Kreisläufe zu schließen.“ Sie verdeutlicht das am Beispiel einer Kompostierungsanalage: „Die Geruchsbelästigung einer solchen Anlage ließe sich durch Pflanzenkohle mindern, diese könnte man erzeugen, indem Grünschnittreste vor Ort pyrolysiert werden. Das Produkt wäre ein mit Pflanzenkohle angereicherter Kompost, ein wertvoller Dünger.“ Ein anderes Beispiel wäre der Weinbau, wo regelmäßig geschnittene Äste oder alte Rebstöcke anfallen. In der Regel werden sie verbrannt. „Stattdessen könnte man sie zu Pflanzenkohle verarbeiten und diese dann zusammen mit dem Trester kompostieren, um damit wiederum den Boden zu düngen.“

Wissenswertes rund um das Thema Boden gibt es im Bodenatlas, einem Kooperationsprojekt der Heinrich-Böll-Stiftung, des Institute for Advanced Sustainability Studies, des Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland und Le Monde diplomatique.

Wissenswertes rund um das Thema Boden gibt es im Bodenatlas, einem Kooperationsprojekt der Heinrich-Böll-Stiftung, des Institute for Advanced Sustainability Studies, des
Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland und Le Monde diplomatique.

Wie wichtig es ist, regionale Kreisläufe zu schließen, kann man sich anhand der globalen Biomasseströme vergegenwärtigen. Sehr viele Lebensmittel werden in dicht besiedelten Räumen der nördlichen Hemisphäre konsumiert. Ein großer Anteil davon wächst in den Ländern des Südens. Tagtäglich werden somit Biomasse und Nährstoffe der einen Region entzogen und an eine ganz andere Stelle auf der Welt gebracht. Gleichzeitig werden jene ausgelaugten Böden dann mit Kunstdünger ertragsfähig gehalten, während der Boden weiter degradiert. Im Bodenatlas wurde für die EU ein „Land-Fußabdruck“ von 640 Millionen Hektar pro Jahr errechnet, eine anderthalb Mal so große Fläche wie die Gesamtfläche der 28 Mitgliedstaaten. Dieses Land liegt oftmals in Ländern, die ihre eigenen Staatsbürger_innen nicht mit ausreichend Grundnahrungsmitteln versorgen können. Nachhaltige Kreislaufwirtschaft muss anders aussehen.

Derzeit arbeitet Kammann in einem VDI-Ausschuss mit, der eine DIN-Norm für Pflanzenkohle bzw. „Biocarbonisat“, wie es dort heißt, entwickelt. Ziel ist es, saubere Produktionsverfahren zu definieren. Ob die Pflanzenkohle die vielen Hoffnungen erfüllen wird? „Für mich ist es wie ein Werkzeugkoffer. Wenn ich die Mechanismen verstehe, kann ich Pflanzenkohle an den Stellen, wo es sinnvoll erscheint, anwenden.“, sagt Kammann. „Es muss sich für die Betriebe ökonomisch rechnen. Das regionale Stoffstrommanagement muss also erst einmal den ökonomischen Nutzen von Pflanzenkohle erkennen, erst dann können die ökologischen Effekte, für die ja niemand zahlt, genutzt werden.“

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