Plastiktüten besteuern?

Shoppingzone Seltersweg: Die meisten Personen laufen mit Plastiktüten herum.

Shoppingzone Seltersweg: Die meisten Personen laufen mit Plastiktüten herum.

Die EU hat im März beschlossen, dass die Mitgliedstaaten Plastiktüten im Handel künftig besteuern dürfen. Bleibt abzuwarten, wie sich die Bundesregierung dazu verhält. In Supermärkten kosten die Plastiktüten – wenn auch nicht als Steuer – ja schon einen geringen Centbetrag. Dies könnte nun unter Umständen auch auf Tüten in Kaufhäusern, Elektro- oder Kleidungsgeschäften zukommen.

„Ich lass‘ mir die Tüten immer geben. Ich hab halt keinen Rucksack dabei“, sagt ein junger Konsument, der gerade aus dem Kaufhaus kommt. Über ökologische Belange denke er nicht nach. „Wenn die Tüte 20 Cent kosten würde, würde ich sie wahrscheinlich trotzdem kaufen.“ Die Ansichten differieren. Ein junges Pärchen hat zwar auch die Hände voller Tüten, argumentiert aber: „Wir packen so viel wie möglich in eine Tüte, wenn schon Mal eine da ist. Würde die Tüte was kosten, würden wir uns gegen die Tüte entscheiden.“
71 Platiktüten verbrauchte eine in Deutschland lebende Person im Jahr 2010 im Durchschnitt, sechs Tüten mehr als im Vorjahr. Daher hält die Deutsche Umwelthilfe eine freiwillige Selbstverpflichtung des Handels, worauf die Bundesregierung derzeit zu setzen scheint, für unzureichend. Als Beispiel wird gerne Irland aufgeführt: Dort gelang es durch eine Abgabe den Plastiktütenverbrauch um 90 Prozent zu senken, der Durchschnittsverbrauch pro Kopf lag dort 2010 bei 15 Tüten. Zum Vergleich: Am schlechtesten schnitt Bulgarien mit 421 Tüten ab. Dennoch lag Deutschland bei den absoluten Zahlen (mit fast 6000 Tüten pro Jahr) an vierter Stelle.
Aber fällt das Plastiktütenproblem tatsächlich so schwer ins Gewicht? Zwar werden durch das Wegwerfen der Tüten Energie und (fossile) Rohstoffe verschwendet, doch vom gesamten Kunststoffverbrauch in Deutschland fallen lediglich 0,71 (Gewichts-)Prozent auf Plastiktüten.
„Dass das nicht so ein großer Anteil ist, stimmt. Aber Plastiktüten sind ein Produkt, das sich sehr gut eignet, bei sich selbst anzusetzen und ein Umdenken einzuleiten. Da es gute Alternativen gibt, kann jede und jeder durch eine einfache Entscheidung im Alltag etwas verändern“, sagt Julia Barthel von der Deutschen Umwelthilfe.

Was aber ist so umweltschädlich an den Plastiktüten? In Deutschland ist das „Littering“, das achtlose Zumüllen der Landschaft weniger das Problem als die Verschwendung von Energie und Ressourcen: „Ich sehe den allgemeinen Ressourcenverbrauch als entscheidend an, da dieser Verbrauch größtenteils vermeidbar wäre“, sagt Prof. Dr. Lutz Breuer vom Institut für Landschaftsökologie und Ressourcenmangement der Universität Gießen. „Aber in anderen Ländern mit nicht so gut ausgebauter Müllsammlung und -verwertung kann das Problem des Litterings deutlich größer sein. Der Austrag von Plastikmüll über die Gewässer in die Ozeane ist in weiten Fällen kaum bekannt. Nach einer neuen Studie werden alleine über die Donau täglich etwa 4,2 Tonnen Plastikmüll in Form von Mikroplastik ins Schwarze Meer transportiert – also auch aus der Sicht der Gewässerforschung ein interessantes Thema.“
Dies betrifft auch die ganz dünnen Plastiktüten, die man häufig in der Obst- und Gemüseabteilung findet, die aber von einer möglichen Abgabe weiterhin ausgenommen bleiben. „Diese dünnen Tüten fliegen sehr schnell irgendwo herum und können dann noch eher im Gewässer landen als die dickeren Tüten. Zu diesen Tüten, fehlen aber wirkliche Alternativen. Und damit meine ich vor allem die unvermeidbaren Tüten für leicht matschendes Obst oder Fleischwaren. Unsere Befürchtung ist, dass diese Produkte dann in Hartplastik verpackt würden, was die Ressourcenverschwendung noch verschärfen würde“, konstatiert Barthel. Das mehrfache Benutzen einer Tüte kann ihre Ökobilanz deutlich verbessern.
„Bei uns werden die Tüten als Müllbeutel fürs Katzenklo verwendet“, sagt eine Konsumentin auf dem Seltersweg. Andere verwenden sie als Müllbeutel oder zum Befördern von Altglas oder Pfandflaschen. Aber auch danach landen sie im Restmüll und dienen höchstens noch der Energieerzeugung im Müllheizkraftwerk. Die Rohstoffe sind unwiederbringlich verloren.
In Kaufhäusern bekommen Kunde und Kundin in der Regel die Plastiktüte automatisch dazu. „Ich merke, seitdem das Thema ein Medienecho findet, lehnen mehr Kunden die Tüte bewusst ab. Zwar sind es immer noch nicht so viele, aber es fällt auf“, beschreibt eine Kassiererin ihren persönlichen Eindruck. „Ich frage mich aber auch, warum der immer größer werdende Versandhandel dabei nicht erwähnt wird. Da werden die Produkte ja noch stärker verpackt.“

Biologisch abbaubare Tüten als Alternative?

Mehrweg-Tüten aus recyceltem Material schneiden bei der Ökobilanz am besten ab. Ein hoher Recycling-Anteil ist am Blauen Engel zu erkennen.

Mehrweg-Tüten aus recyceltem Material schneiden bei der Ökobilanz am besten ab. Ein hoher Recycling-Anteil ist am Blauen Engel zu erkennen.

Anders als es auf den ersten Blick anmuten mag, sind biologisch abbaubare Plastiktüten keine Lösung. „Es gibt Probleme beim biologischen Abbau dieser Tüten, die verwendeten Rohstoffe sollten lieber in die Nahrungsmittelproduktion gehen, zudem liegt der Energieeinsatz bislang deutlich über dem von konventionellen Platiktüten“, zählt Breuer die Nachteile auf.
Zwar gibt es inzwischen auch Plastiktüten mit dem Blauen Engel, die aus einem hohen Anteil Recyclingmaterial bestehen. Die Ökobilanz von Mehrwegtragetaschen aus Kunststoff schneidet jedoch am besten ab – auch gegenüber Stoffbeuteln, vor allem weil jene überwiegend aus recyceltem Material hergestellt werden.
Schaut man sich den Tütenverbrauch in Supermärkten an, so ist dieser gesunken, seitdem die Tüten etwas kosten. „Bei den Studierenden fällt es deutlich auf. Die meisten nehmen einen Karton oder haben einen Rucksack dabei. Die Alten wiederum haben ihr eigenes Körbchen“, sagt eine Kassiererin. „Bei denen, die übrig bleiben, würde ich sagen, ist es gemischt. Aber der Trend geht schon eher zu den wiederverwertbaren Taschen.“ Es gäbe in den anderen Einzelhandelssegmenten also durchaus noch Potenzial, den Tütenverbrauch zu verringern. „Ich halte die Maßnahme, eine Abgabe auf Plastiktüten in allen Geschäften einzuführen, für mehr als sinnvoll“, so Breuers Einschätzung.

Die Deutsche Umwelthilfe möchte die Bundesregierung durch eine Petition dazu bringen, sich für eine Besteuerung von Platiktüten zu entscheiden. Die Steuer solle dann den Landesnaturstiftungen zur Verfügung gestellt werden, um Informationskampagnen zu Abfallvermeidung und Mehrweg zu fördern.

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