Aktuelle Ernährungsthemen auf der Tagung des UGB

Prof. Dr. Leitzmann holt sich gleich etwas zu trinken, weil „es ein trockenes Thema ist“.

Prof. Dr. Leitzmann holt sich gleich etwas zu trinken, weil „es ein trockenes Thema ist“.

450 Teilnehmende zählte die Aula der Justus-Liebig-Universität bei der zum zwölften Mal in Gießen stattfindenden Tagung, die über aktuelle Ernährungsthemen informiert. Die Diskussion um Nährstoffempfehlungen und ein möglicher Umbau des Wirtschaftssystems hin zu einer Postwachstumsökonomie waren nur zwei Gegenstände eines breiten Themenspektrums. Der UGB, der Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung e.V., setzt sich seit über 30 Jahren für Vollwerternährung ein und stellt Ernährungsfachkräften unabhängige Informationen zur Verfügung.

Wie zuverlässig sind Nährstoffempfehlungen?

Nährstoffempfehlungen wie wir sie von der DGE, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, kennen, basieren auf Tierexperimenten, Konzentrationsmessungen im Blut oder Untersuchungen dazu, wie viel des Stoffes der Körper aufnimmt und im Vergleich dazu wieder ausscheidet. Auffällig ist, dass sich Nährstoffempfehlungen trotz eines ähnlichen Nährstoffbedarfs von Menschen weltweit stark unterscheiden. „All diese Arten, den Nährstoffbedarf zu ermitteln, bringen Einschränkungen mit sich, die eine genaue Bestimmung erschweren“, erklärt Prof. Leitzmann. Der Gießener Ernährungswissenschaftler, der auf der diesjährigen Tagung der UGB, den ersten Vortrag hält. „Es kommt hinzu, dass es keine experimentelle Daten für Personengruppen wie Säuglinge, alte Menschen und Schwangere gibt.“

Referenzwerte, also jene Nährstoffmengen, die die DGE empfiehlt, finden sich beispielsweise in Nährwerttabellen auf Lebensmittelverpackungen. Sie gelten für gesunde Personen in Mitteleuropa. „Führt man sich vor Augen, dass diese Werte sich nicht auf Kranke, Genesene, Personen mit Verdauungs- und Stoffwechselstörungen, entleertem Nährstoffspeicher, Personen, die Medikamente nehmen und Alkoholiker beziehen, da kann man sich schon fragen, für wen die Werte überhaupt noch gelten.“ Am Beispiel des Kalziums verdeutlicht er die globalen Unterschiede: Die FAO empfiehlt 450 Milligramm pro Tag, in Deutschland liegt die Empfehlung bei 1000 Gramm. „Die unterschiedlichen Referenzwerte lassen sich auf verschiedene klimatische Verhältnisse, kulturelle Traditionen aber auch ökonomische oder politische Umstände zurückführen“, sagt Leitzmann. So sie die FAO für die ganze Welt zuständig und gibt eine sehr geringe Empfehlung, weil es in vielen Ländern schwierig ist, sogar auf diese geringe Menge zu kommen. Bei uns sei die Empfehlung höher, weil wir auch mehr Eiweiß und Salz zu uns nehmen würden, was die Kalziumverfügbarkeit senke. Die erhöhte Proteinzufuhr betrifft allerdings auch hauptsächlich Personen, die viel Fleisch zu sich nehmen. Veganerinnen könnten also durchaus mit weniger Kalzium auskommen. Leitzmann zweifelt auch am Referenzwert von Eisen: Um den Bedarf von einem Milligramm pro Tag zu decken, werden Frauen 15 Milligramm pro Tag, Männern 10 empfohlen. Die Hämoglobinkonzentration im Blut weist dabei bei Mischköstler_innen einen höheren Wert auf als bei Vegetarier_innen. „Wer sagt aber, dass die Fleischfresserwerte die Norm sind und besser sind als die niedrigerem Hämoglobinspiegel bei Vegetariern, die keine erkennbaren Nachteile haben?“

Trotz individueller Faktoren, globaler Unterschiede und der Lebensmittel selbst, die je nach Sorte und Anbaubedingungen, Transport und Lagerung enorme Schwankungen in ihren Nährstoffgehalten aufweisen, hält Leitzmann Nährwerttabellen für eine grobe Orientierung sinnvoll und weist darauf hin, dass die Grundlage von Nährstoffempfehlungen sich auch ständig verbessert.

Hin zur Postwachstumsökonomie

„Die Ökonomie muss zurückgebaut werden, um gesünder leben zu können“, so in etwa lautet die These von Nico Paech, Gastprofessor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg. Der Ökonom steht dem „Grünen Wachstum“, das sich durch Effizienzsteigerungen auszeichnet, kritisch gegenüber, denn eine nachhaltige Entwicklung sei mit dieser Strategie bisher gescheitert. Vielmehr würden durch Effizienzgewinne mehr Produkte gekauft, so dass Energie oder Rohstoffe nicht wirklich eingespart würden. Paech favorisiert eine klare Senkung des Energie- und Ressourceneinsatzes (Suffizienzstrategie) und vermehrte Selbstversorgung (Subsistenz) und weist somit der einzelnen Person mehr Verantwortung zu. Suffizienz bedeutet für ihn nicht Verzicht, sondern Entschleunigung und die Besinnung auf das, „was wir tatsächlich brauchen“.

Ein bisschen Selbstversorgung in der Stadt: Ein Beispiel ist der Gemeinschaftsgarten bei der Kü-Ché.

Ein bisschen Selbstversorgung in der Stadt: Ein Beispiel ist der Gemeinschaftsgarten bei der Kü-Ché.

Er hat eine konkrete Vorstellung, was das für die Wirtschaft und die Arbeitnehmenden bedeuten könnte, nämlich neue Teilzeitmodelle zu schaffen und die Arbeitszeit umzuverteilen: Statt 40 Wochen zu arbeiten und abhängig von industrieller Fremdversorgung zu sein, schlägt er vor, nur noch 20 Stunden im kommerziellen Bereich tätig zu sein. Die restlichen 20 Stunden könnten dann aufgewendet werden, um soziale Netzwerke aufzubauen, sich über Subsistenzleistungen auszutauschen, Gegenstände gemeinsam zu verwenden, Lebensmittel anzubauen, Dinge zu reparieren… Nach Paech würde das das psychische Wohlbefinden signifikant steigern.

Bei der Industrie sieht er neue Wirtschaftsmöglichkeiten: Den Aufbau einer professionellen Reparaturwirtschaft. „Die Aufgabe der Unternehmen wäre, langlebige Produkte mit einem reparaturkompatiblen Design herzustellen. Man könnte sich sogar vorstellen, zusammen mit dem Produkt Prosumentenworkshops angeboten zu bekommen, wo die Leute zum Gegenstand selbst auch noch einen Kurs zum Reparieren mitbekommen.“ Mit dem Wort „Prosument“ werden Verbraucher_innen nicht mehr nur als Konsument_innen, sondern auch als Produzent_innen betrachtet.

Paech merkt an, dass diese Vorstellung dem „Grünen Wachstum“ nicht komplett widerspricht: „In der gesundheitlichen Versorgung beispielsweise spielt die Technologie eine wichtige Rolle. Aber auch die erneuerbaren Energien sind wichtig.“

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Eine Antwort

  1. Super Informationen, dass die Datengrundlage auf der die DGE-Ernährungsempfehlungen basieren derart dünn sind, ist überraschend.
    Postwachstum, schöne Idee und der einzigste Weg, jedoch stehen sich in der Weltgeschichte, wie noch nie, so viel Finanzkapital, das nach hoher Rendite und Investition dürstet, so begrenzten Ressourcen entgegen…

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