Am 28. Juni eröffnet das Hanflabyrinth – interaktiver Bildungsparcours zum Thema Postwachstum

Hanf wächst unglaublich schnell: Unter guten Bedingungen bis zu sieben Zentimeter pro Tag. Hier sieht man noch Rapssaaten zwischendrin. Diese waren noch vom letzten Jahr im Boden.

Hanf wächst unglaublich schnell: Unter guten Bedingungen bis zu sieben Zentimeter pro Tag. Hier sieht man noch Rapssaaten zwischendrin. Diese waren noch vom letzten Jahr im Boden.

Der Hanf auf dem zweieinhalb Hektar großen Feld ist etwa 1,30 Meter hoch, soll in den nächsten Wochen aber noch die zwei Meter Marke erreichen. Noch kann man gut über das Feld blicken, die Wege durch das Labyrinth sieht man dennoch nicht mehr. Man kann nur erahnen in welche Richtung es geht, um zur nächsten Station zu kommen. Und selbst wenn man eine Richtung einschlägt, kann man sich nicht sicher sein, vielleicht doch in einer Sackgasse zu landen. Neun interaktive Stationen wird es auf dem Weg durch das Hanflabyrinth zu erleben geben. Ein Bildungsparcours, der von dem Bildungsverein „Motivés“ und vielen Ehrenamtlichen aufgebaut wurde. Das diesjährige Thema ist die „Postwachstumsgesellschaft“.

„Die Leitfrage ist: Was ist Wachstum? Was wächst eigentlich, wenn die Wirtschaft wächst? Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass alles, was wir konsumieren, eine Geschichte hat, dabei aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger sprechen und sagen, was zu tun ist. Vielmehr sollen Wege aufgezeigt werden, die jenseits des Bestehenden auch noch begangen werden können“, sagt Manuel Kästner. Thorsten Renz ergänzt: „Wir wollen die Leute dort abholen, wo sie sind. Mit dem Aufhänger: ‚Was ist ein gutes Leben für Dich?’“

Die beiden Mitorganisatoren Thorsten Renz (links) und Manuel Kästner (rechts).

Die beiden Mitorganisatoren Thorsten Renz (links) und Manuel Kästner (rechts).

Die beiden sind zwei von insgesamt sechs Personen, die das Hanflabyrinth seit Januar konzeptionieren, koordinieren und organisieren. Am 28. Juni öffnet das Labyrinth seine Tore. Die drei Monate lang laufende Veranstaltung findet dieses Jahr zum zweiten Mal auf einem Acker in Niederweimar statt. Verlässt man Niederweimar in Richtung Wenkbach, wird man das Feld schon bald auf der linken Seite sehen – mit Bahn oder Fahrrad also sehr gut erreichbar. Bis Ende September können Interessierte den Weg durch das Labyrinth suchen. Unter der Woche finden zusätzlich Führungen für Gruppen und insbesondere Schulklassen statt und an den Wochenenden gibt es Veranstaltungen wie Poetry Slams, Open Air Kino, Workshops, Flohmärkte, Vorträge oder Konzerte. 2011 stand hier das erste Hanflabyrinth, damals zum Thema Klimawandel.

Die Leute sollen sich die Zeit nehmen, mal zu hinterfragen, wie sie eigentlich leben wollen“, sagt Christian Jakubassa, weiterer Mitorganisator. Das wird beispielsweise an der ersten interaktiven Station deutlich. Schlängelt man sich die ersten 100 Meter durch das Labyrinth, gelangt man zum „Glücksbarometer“. „Was macht dich glücklich?“, lautet die Überschrift. Die BesucherInnen bekommen am Eingang Murmeln und können sie dann in eine Auwahl von insgesamt 15 Säulen werfen. Darunter z.B. „Freundschaft und Beziehungen“, „gesund sein“ oder „Geld“… Das ist bislang die einzige Station, die fertig gestellt ist. „Der Rest kommt erst kurz vor der Eröffnung hin, wir wollen ja nicht jetzt schon alles verraten“, sagt Kästner. Das pädagogische Konzept und somit auch die Informationstafeln hat die Gruppe selbst erstellt. Viele Freiwillige haben zudem mitgeholfen, die „grüne Bühne“, den Eingangsbereich oder auch die Komposttoiletten zu bauen und die Wege freizuschneiden. „Es macht total viel Spaß, nicht nur am Computer zu sitzen oder vor Schulklassen zu stehen und theoretisch zu arbeiten, sondern tatsächlich die Dinge in der Praxis umzusetzen“, schwärmt Jakubassa und fügt mit zwinkerndem Auge hinzu: „Es ist total toll zu sehen, wie die Gruppe, die das hier aufbaut, miteinander wächst. Es ist nämlich nicht alles schlecht, was wächst.“

Beim Glückbarometer sind die Besucher_innen gefragt. Sie können Murmeln in die jeweilige Säule werfen.

Beim Glückbarometer sind die Besucher_innen gefragt. Sie können Murmeln in die jeweilige Säule werfen.

Eine Gruppe von Leuten ist bereits im Labyrinth unterwegs. „Das sind die 20 Personen, die die Führungen übernehmen werden“, erklärt Kästner. Gerade findet nämlich die MultiplikatorInnenschulung statt. Auch das Labyrinth hat der Verein selbst entworfen. „Von oben ist eine Schildkröte zu erkennen, was eine Anspielung an Michael Endes Buch ‚Momo‘ ist, in dem es ja auch um Entschleunigung geht.“ Um das Muster entsprechend zu übertragen, wurde ein Raster von je 10 Quadratmetern über das Feld gespannt. Die Wegstrecke beträgt auf dem direkten Wege 1,3 Kilometer, mit den Irrwegen zusammen sind es über drei.

Dass für das Labyrinth Hanf und nicht etwa Mais oder Sonnenblumen gewählt wurde, hat natürlich auch seinen Grund. „Es funktioniert besonders gut, Jugendliche damit anzusprechen. Die finden es ‚cool‘ und sind offen, für das, was wir hier anbieten“, sagt Renz. „So hatten wir letztes Mal beispielsweise kaum Vandalismus, obwohl das Feld offen zugänglich war.“ Ein weiterer Grund liegt aber in der Pflanze selbst. „Hanf ist eine heimische Pflanze, die sehr schnell wächst und aus der Dämmstoffe, Papier oder Textilien hergestellt werden können. Im Gegensatz zu Baumwolle, die ja keine regionale Pflanze ist, kommt Hanf gut ohne Pestizide und mit viel weniger Wasser und Dünger aus. Sie eignet sich hervorragend als Zwischenfrucht, weil sie mit ihren tiefen Wurzeln den Boden lockert.“ Hanf bindet außerdem CO2. „Wir haben das mal ausgerechnet: Das gesamte Feld speichert fast 34 Tonnen CO2. Daher macht es auch mehr Sinn, Textilien oder langlebige Produkte daraus zu machen als die Biomasse zu verfeuern.“ Zum Vergleich: 34 Tonnen CO2 stoßen rund 230 Pkw aus, die jeweils 1000 Kilometer fahren.

Eine geodätische Kuppel wurde aus alten Lattenrosten zusammengebaut. Die Stationen zu bauen kann „tricky“ sein, weiß Manuel Kästner: „Stell dir vor, du willst mit dem Akkuschrauber an einer Station weiter bauen und merkst dann dort, dass du einen Bit vergessen hast. Dann musst du den ganzen Weg wieder zurück laufen. Nach solchen Fehlern denkst du zweimal darüber nach, ob du an alles gedacht hast.“

Eine geodätische Kuppel wurde aus alten Lattenrosten zusammengebaut. Die Stationen zu bauen kann „tricky“ sein, weiß Manuel Kästner: „Stell dir vor, du willst mit dem Akkuschrauber an einer Station weiter bauen und merkst dann dort, dass du einen Bit vergessen hast. Dann musst du den ganzen Weg wieder zurück laufen. Nach solchen Fehlern denkst du zweimal darüber nach, ob du an alles gedacht hast.“

Auch bei den verwendeten Materialen für die einzelnen Stationen wurde auf Nachhaltigkeit geachtet: „Wir haben in Baumärkten nach Holzresten gefragt und das Holz, das wir gekauft haben, Lärchenholz und Fichtenstämme, stammt hier aus der Region.“

Das Projekt konnte bisher mithilfe einiger Sponsoren auf die Beine gestellt werden. „Nichtsdestotrotz sind wir weiterhin auf Spenden angewiesen“; sagt Kästner. „Wenn das Hanflabyrinth öffnet, wollen wir ja auch den Personen, die den ganzen Tag hier sind und die Führungen geben, zumindest eine Aufwandsentschädigung zahlen können.“ Daher gibt es auf „Startnext“ eine Crowdfundig Aktion, mit der 4000 Euro zusammen kommen sollen. „Wir freuen uns auch immer über Sachspenden. Zum Beispiel ist es toll, wenn jemand Kuchen mitbringt.“

Die Beteiligten rechnen damit, dass das diesjährige Hanflabyrinth an den Erfolg des letzten anknüpft. „Wir überlegen sogar, das Projekt nächstes Jahr erneut durchzuführen. Und zwar nach Möglichkeiten in der Nähe von Gießen, um die Regionen zu vernetzen. Wir sind noch auf der Suche nach Landwirten mit einem geeigneten Feld. Und wir wünschen uns auch, dass viele Schulklassen aus Gießen kommen, bisher sind es nämlich eher Marburger Schulen, die sich gemeldet haben.“

permanenter Link

Von der Zughaltestelle Niederweimar dauert es mit dem Fahrrad nur wenige Minuten, das Hanflabyrinth zu erreichen. Von dort aus kommend befindet es sich auf der linken Seite.

Von der Zughaltestelle Niederweimar dauert es mit dem Fahrrad nur wenige Minuten, das Hanflabyrinth zu erreichen. Von dort aus kommend befindet es sich auf der linken Seite.

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