Postwachstumsökonomie – Wie kann eine Transformation der Gesellschaft funktionieren?

Niko Paech erklärt den identitätsstiftenden Charakter von Produkten.

Niko Paech erklärt den identitätsstiftenden Charakter von Produkten.

Spätestens seit dem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972 ist im öffentlichen Diskurs angelangt, dass ökologische Ressourcen begrenzt sind und dass somit Wohlstandsentwicklung und Ressourcenverbrauch entkoppelt werden müssen. „Hierzu gibt es verschiedene Strategien“, weiß Niko Paech, der an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg den Lehrstuhl für Produktion und Umwelt innehat und darüber hinaus zu Postwachstumsökonomie forscht. Im Rahmen der Ringvorlesung „Nachhaltigkeit leben – alternative Konzepte für den Ernährungsalltag“ ist er nach Gießen gekommen. Die eine Strategie nennt er das „Grüne Wachstum“: „Hierbei geht es um ökologische Effizienz. Der Aufwand wird gesenkt, ohne Abstriche beim Ergebnis zu machen. Hierzu gehört zum Beispiel das 3-Liter Auto.“ Bei diesem Ansatz werde das Wirtschaftswachstum nicht in Frage gestellt. Die andere Strategie umfasst wachstumskritische Ansätze, darunter die „Suffizienz“, die sich an der Tragfähigkeit der Erde orientiert und die „Subsistenz“, die Selbstversorgung jenseits der industriellen Produktion.

Das Beibehalten derzeitiger Konsummuster setzt voraus, dass das BIP steigt“

Statt an den Glauben an technischen Fortschritt plädiert Paech für eine kulturelle Transformation. „Die Glücksforschung liefert da interessante Erkenntnisse.“ Ab einer gewissen Menge an Konsumgütern steige die Zufriedenheit nämlich nicht mehr. Was bedeutet das für das Alltagshandeln?

Befürwortende des „Grünen Wachstums“ beispielsweise gehen davon aus, dass nur die „richtigen“ Produkte und Dienstleistungen, wie Biolebensmittel, Passivhäuser und energiesparende Geräte, gekauft werden müssen, um eine ökologische Katastrophe zu verhindern. Dieser These widerspricht Paech vehement: „Zwar werden jedes Jahr neue Rekorde im Verkauf nachhaltiger Produkte erzielt aber jedes Jahr haben wir ebenso neue Rekorde im Verbrauch ökologischer Ressourcen.“ Daher spricht er vom „ökologisches Versteckspiel“: „Indem ich Bionade kaufe und in einem Passivhaus wohne, befreie ich mich von anderen Sünden wie meinem Fleischkonsum oder meinen Langstreckenflügen.“ Aus dieser kultursoziologischen Perspektive handelt es sich bei dem Kauf nachhaltig erscheinender Produkte um symbolischen Ablass. So sagt Paech deutlich: „Es gibt keine nachhaltigen Produkte.“ Stattdessen schlägt er vor, von der Objektorientierung hin zur Subjektorientierung zu gelangen und Menschen dazu zu befähigen, ihr Handeln anzupassen, was er am Beispiel der individuellen CO2-Bilanz deutlich macht. Im Netz gibt es verschiedene Tools, über die sich die individuelle CO2-Bilanz berechnen lässt (z.B. hier oder hier). Die verschiedenen Handlungsfelder wie Verkehr, Ernährung, Konsumgüter und Bauen/Wohnen böten große Spielräume zur Reduktion, nicht durch den Kauf „richtiger“ Produkte, sondern tatsächlich durch Verhaltensänderungen.

Das Problem der Objektorientierung: Auch ein energieeffizientes Auto ist nicht wirklich nachhaltig. Effizienzsteigerungen können mit erhöhtem Verbrauch einhergehen, was das Einsparpotenzial zunichte macht.

Das Problem der Objektorientierung: Auch ein energieeffizientes Auto ist nicht wirklich nachhaltig. Effizienzsteigerungen können mit erhöhtem Verbrauch einhergehen, was das Einsparpotenzial zunichte macht.

Wohlstand bedeutet Reizüberflutung

Grenzen des Wachstums werden nicht nur in der Wirtschaft deutlich. Nicht nur ökologische Ressourcen sind begrenzt, auch psychologische Ressourcen und auch die Zeit. „Zeit wurde in der ökonomischen Analyse lange übersehen“, sagt Paech, „dabei ist es Zeit, die wir brauchen, um ein Konsumobjekt zu nutzen. Beschleunigungstendenzen, also in gleichbleibender Zeit immer mehr Dinge zu tun, führe zu einer Reizüberflutung und schließlich zur Bewegungsunfähigkeit. Ein Indiz dafür sei der starke Anstieg von Depressionen und anderer Krankheiten und die Zunahme des Psychopharmakakonsums.

Wie könnte eine Postwachstumsgesellschaft aussehen?

Paech hält einen radikalen Rückbau globaler Produktionsketten für notwendig, während die regionale und lokale Produktion gestärkt werden sollte. Dazu schlägt er vor, den Anteil von Erwerbsarbeit auf 20 Stunden in der Woche zu reduzieren, um die restlichen 20 Stunden für marktfreie, also nicht kommerzielle, Versorgungszeit zu nutzen. In dieser Zeit würde man beispielsweise in Gemeinschaftsgärten arbeiten, Dinge im Eigenbau produzieren oder reparieren, handwerkliche Kompetenzen ausbauen und teilen, soziale Netzwerke aufbauen, sich künstlerisch und körperlich betätigen. „Das heißt nicht, dass alles selbst produziert wird, aber ein großer Teil industrieller Produktion würde ersetzt.“ Trotzdem würde man industrielle Produkte nutzen und alte Geräte beispielsweise auseinander bauen, um noch funktionsfähige Teile wieder neu zusammenzusetzen. Paech distanziert sich dabei von der „geplanten Obsoleszenz“, deren Existenz er nicht bestreitet. „Aber viel schwerwiegender ist die kulturelle Obsoleszenz. Sobald die Symbolik eines Produkts nicht mehr up to date ist, kaufen wir uns ein neues.“

Reallabore“ weisen den Weg

Für den Bereich der Ernährung nennt er einige Strategien oder Projekte, die im Hinblick auf eine Postwachstumsgesellschaft richtungsweisend sind. Darunter Grundsätze der Vollwerternährung wie die Reduktion tierischer Produkte und die Beachtung von Regionalität und Saisonalität, Ökolandbau und Direktvermarktung, „Community Supported Agriculture“ (CSA) oder hierzulande die SoLaWi-Initiativen, das Erlernen alter Techniken zur Haltbarmachung, die Streichung von Subventionen für industrielle Landwirtschaft und eine Bodenreform, die eine Verpachtung von Flächen an Selbstvermarkter erleichtert sowie die Ausweitung von Fair Trade für überregionale Produkte.

Paech arbeitet mit dem Begriff der „sozialen Diffusion“, um zu erklären, wie Handlungsmuster verbreitet werden können. „Es bedarf Vorreiter oder solcher ‚Reallabore‘, die das Neue sinnlich erfahrbar machen. Ein Mensch wird nur dann sein Verhalten ändern, wenn es andere in seiner Sozialstruktur auch tun oder der Praxis einen Sinn zuweisen. Irgendwann wird eine kritische Masse erreicht und dann wird die Praxis zum Selbstläufer.“

Großes Interesse an wachstumskritschen Ansätzen: Der große Hörsaal im Zeughaus ist komplett gefüllt.

Großes Interesse an wachstumskritschen Ansätzen: Der große Hörsaal im Zeughaus ist komplett gefüllt.

Zwar ging es erst um 18:15 Uhr los, doch bereits um 18 Uhr war der große Hörsaal im Zeughaus übervoll. Trotzdem strömten weiter Leute ein und setzten sich auf die Treppe und den Boden. Das zeigt das große Interesse an dem Thema für Menschen ganz verschiedenen Alters. Ob die Sozialstruktur der Zuhörenden auch so eine große Bandbreite hatte, lässt sich eher bezweifeln. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Institut für Ernährungswissenschaften der JLU Gießen und dem Weltladen Gießen.

permanenter Link

Zusätzlich gibt es ein Interview mit Niko Paech auf freie-radios.net. An dieser Stelle sei angemerkt, dass Ansätze der Postwachstumsökonomie auch kritisch diskutiert werden, z.B. hier. Kritisiert wird u.a. die Anschlussfähigkeit an reaktionäre Diskurse, in denen der Abbau von Sozialsystemen befürwortet wird („den Gürtel enger zu schnallen“). In weiteren Einwänden geht es um verkürzte Kapitalismuskritik (Finanzkapital als das Übel), Zinskritik, die antisemitische Stereotype transportieren kann, die Moralisierung der Konsumfrage, die Besorgnis, Errungenschaften der modernen Gesellschaft zunichte zu machen (Verzichtsideologie, „Rückkehr ins Mittelalter“), den Umstand, den Staat seiner Verantwortung freizusprechen, indem (gesellschaftserhaltende) Tätigkeiten in den entkommerzialisierten, privaten Bereich verlegt werden. Hier noch ein paar Links zum weiterlesen:  „Interessengemeinschaft Robotercommunismus“ und die 16 Thesen zur Degrowth-Bewegung, Blogbeitrag „Kritik der Postwachstumsökonomie“, Ronald Blaschkes Thesenpapier zum Verhältnis vom bedingungslosen Grundeinkommen zur Postwachstumsökonomie.

 

 

 

 

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Eine Antwort

  1. … interessant, wie viel sich in dieser Richtung in Gießen tut – als Leser aus Freiburg fragt man sich dann schon, woher „unser“ Image als Ökostadt eigentlich kommt? Na, unser „grüner“ OB Salomon ist halt eher ein Marketing- also ein Öko-Profi – das zweifelt hier im Südwesten allerdings auch kaum jemand an. Coole Ringvorlesung! Und: Schöner Beitrag mit Link zur Audioversion.

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