„Warum ist fair so schwer?“ – Podiumsdiskussion über Nachhaltigkeit in der Textilindustrie

von l. nach r.: Ludwig Vordemfelde (Modehaus Köhler), Elisabeth Schmidt (hessnatur), Alexandra Böckel (Moderation), Sven Wagner (NETZ e.V.)

von l. nach r.: Ludwig Vordemfelde (Modehaus Köhler), Elisabeth Schmidt (hessnatur), Alexandra Böckel (Moderation), Sven Wagner (NETZ e.V.)

Anders als Bioprodukte ist nachhaltige Kleidung noch nicht im Mainstream angekommen. Aber warum? Ist sie zu teuer? Gibt es zu wenige Läden, die sie anbieten oder sind die Kleidungsstücke zu „uncool“? Diesen Fragen gingen Vertreter_innen lokaler Firmen und einer Nichtregierungsorganisation bei einer Podiumsdiskussion im Rathaus auf die Spur.

Im kurzen Animationsfilm „Fast Fashion“ erfahren die Teilnehmenden, dass von einem 29 Euro teuren T-Shirt gerade einmal 18 Cent an die ArbeiterInnen gehen, die das T-Shirt nähen. Gleichzeitig ist der Umsatz an Kleidungsstücken hierzulande hoch. Durchschnittlich fünf Stück kauft eine Person pro Monat. „Warum ist es so schwer, faire Produkte auf den Markt zu bringen?“ will Alexandra Böckel wissen. Sie ist als Mitglied beim Textilbündnis Gießen und der Bildungsgruppe des Weltladens Mitorganisatorin und führt an diesem Abend durch die Diskussion. Ludwig Vordemfelde, Geschäftsführer des Modehaus Köhler, spricht die undurchsichtige Lieferkette an. „Oft ist es schwer nachzuvollziehen, wo und wie Dinge hergestellt werden, weil viele Agenten und Händler zwischengeschaltet sind.“ Elisabeth Schmidt von hessnatur ergänzt, dass Kunden oft schlecht informiert und oft nicht bereit sind, mehr zu zahlen. Während gerade einmal ein bis zwei Prozent des Preises eines T-Shirts als Lohnkosten an die Näherinnen gehen, bleiben rund 50 Prozent beim Einzelhandel. Warum kann dieser nicht einfach einen kleinen Teil davon weitergeben? Vordemfelde argumentiert: „Von den 50 Prozent geht die Mehrwertsteuer ab, das sind schon 20 Prozent. Etwa weitere 20 Prozent gehen als Lohnkosten an die Mitarbeiter und mit den restlichen 10 Prozent wird die Miete bezahlt. Pro T-Shirt bleiben uns etwa 20 Cent.“ Weil der Lohn der Näherinnen eine vergleichsweise geringe Rolle spielt, sagt er aber auch: „Wir hätten das Geld es anders zu machen, wir tun’s nur nicht.“ Er sieht dabei vor allem die Verbraucher in der Pflicht und moniert, dass nachhaltig hergestellte Kleidung, die er im Sortiment hat, nicht gekauft wird. Ein Herr aus dem Publikum widerspricht. Nur die Nachfrageseite zu betrachten, greife zu kurz. „Immer mehr Gelder fließen ins Marketing. Auf diese Weise werden ja erst Bedürfnisse generiert. Warum also nicht stärker für nachhaltige Produkte werben?“

Wer entscheidet, was „fair“ ist?

Doch was bedeutet es überhaupt, wenn man über nachhaltige Kleidung spricht? Wann sind Löhne und Arbeitsbedingungen „fair“? Gesetzliche Mindestlöhne existieren in einigen asiatischen Ländern, doch diese liegen häufig unter der Armutsgrenze. Daher wird lieber vom existenzsichernden Lohn gesprochen, wenn es um faire Bezahlung geht. Dieser soll in der Lage sein, die Grundbedürfnisse zu decken. Einen solchen Ansatz bildet der Asian Floor Wage, ein Grundlohn, der sich an den Lebensstandards in den verschiedenen Asiatischen Ländern orientiert. Doch bis dieser ausgezahlt wird, ist es noch ein weiter Weg, selbst für hessnatur: „Wir arbeiten in die Richtung. Zwar zahlen wir als Auftraggeber so viel, dass es möglich wäre, einen existenzsichernden Lohn zu gewährleisten, aber es scheitert am Rest der Produktionskette.“ Hier kommen wieder die vielen Zwischenhändler ins Spiel.

Hessnatur vergibt Aufträge an 132 verschiedene Fabriken, kann so eine breite Produktpalette anbieten, hat aber keinen vollständigen Überblick über die jeweiligen Lieferketten. Andere Möglichkeiten haben große Unternehmen, denen die Produktionsstätten zum Teil gehören. „Für die Großen der Branche ist es leichter, Standards einzuhalten, weil sie leichter die Kontrolle haben“, sagt Vordemfelde. Wenn sie ihre Macht nutzen, geschieht das aber in der Regel eher halbherzig und erst auf Druck der Öffentlichkeit.

Während bei Billigprodukten klar ist, dass sie nicht unter fairen Bedingungen produziert werden können, sei das bei Luxusmarken aufgrund hoher Gewinnmargen durchaus umsetzbar, zumindest theoretisch. Denn die Lohnkosten der Näherinnen machen nur einen Bruchteil aus. Doch der Lohn ist nur ein Faktor. „Es muss sich auch das Arbeitsumfeld in Sachen Brandschutz, Überstunden, Gewerkschaftsfreiheit usw. ändern, um die Menschen aus ihrer prekären Lage zu holen“, sagt Böckel. So gibt es beispielsweise die Fair Ware Foundation, eine Organisation, die mit ihren Mitgliedsunternehmen daran arbeitet, die Arbeitsstandards zu verbessern. Vorstellen kann man sich das wie ein Siegel für Unternehmen. Andere Siegel sind produktbezogen und setzen den Fokus entweder stärker auf soziale oder auf ökologische Standards. Für VerbraucherInnen kann das verwirrend sein. „Es sollte endlich ein europaweites Siegel entwickelt werden, das sowohl soziale als auch ökologische Standards umfasst. Ein Siegel, das alle kennen. Ähnlich wie das EU-Bio-Siegel“, sagt eine Teilnehmerin.

Wird faire Mode bald hip?

Einig sind sich die meisten darüber, dass nachhaltige Kleidung auch modisch sein muss, um vor allem eine junge Zielgruppe anzusprechen, die sich stark über Kleidung definiert und häufig neue Kleidungsstücke kauft. So besteht auch die Chance, das verstaubte Öko-Image gegen ein „hippes“ einzutauschen, immerhin wissen die meisten über Missstände in der Textilbranche Bescheid und verurteilen diese. Ein Blick in die Greenpeace-Broschüre lässt auch darauf schließen, dass die verschiedenen Informationsquellen für Modetrends erhebliches Potenzial bieten, dem Trend zu mehr Nachhaltigkeit voranzubringen.

Derweil erklärt ein weiterer Teilnehmer, wie schwer es sei, einfach nur ein weißes fair hergestelltes T-Shirt ohne Aufdruck zu finden und betont, dass es nicht an der Nachfrageseite liegt. Fast ein wenig drohend sagt er: „Herr Vordemfelde, nächste Woche komme ich zu ihnen, um eine saubere Jeans zu kaufen!“

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Eine Antwort

  1. Im Ernst? „Durchschnittlich fünf Stück kauft eine Person pro Monat.“ Da ist jede freebox und jede Tauschbörse ja allerhöchst subversiv!! Und vom nicht ausgegebenen Geld könnte ich mir einmal pro Monat ein Fair-Textil kaufen? Leider habe ich nicht die Kohle, nein, quatsch: ich sehe nicht die Notwendigkeit. Ich „verbrauche“ nicht ein T-Shirt/Monat. Kürzlich habe ich mein Lieblings-Fair-Hoodie für 15 Euro reparieren lassen – in der örtlichen Schneiderei …

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