Studentischer Arbeitskreis Ernährungsökologie wird 30 Jahre alt

Einige der ehemaligen und die derzeitigen Mitglieder des Studentischen Arbeitskreises.

Einige der ehemaligen und die derzeitigen Mitglieder des Studentischen Arbeitskreises. (Foto: Clemens Thölken)

Seit 1986 gibt es die studentische Initiative, der es gelungen ist, Themen wie alternative Ernährungsformen und Umweltaspekte der Ernährung in der universitären Lehre zu verankern. An diesem Tag feierte sie ihr 30-jähriges Bestehen.

Dass solche Themen im universitären Betrieb behandelt wurden, war keine Selbstverständlichkeit. „Es war eine Zeit, in der Vollwerternährung noch belächelt wurde. Ballaststoffe wurden tatsächlich als ‚Ballast‘ angesehen“, erzählt Karl von Koerber, der in den 70er Jahren an der Justus-Liebig-Universität Ökotrophologie studierte. Der erste „Arbeitskreis alternative Ernährung“ wurde bereits 1976 gegründet. „Einmal pro Woche haben wir uns abends getroffen, zusammen etwas Bestimmtes gekocht und eine Person hat einen Vortrag gehalten, über den wir dann diskutiert haben“, erinnert sich von Koerber, der inzwischen ein Beratungsbüro für Ernährungsökologie in München betreibt. Der Arbeitskreis fand immer größeren Zulauf, es bildeten sich neue Arbeitskreise und 10 Jahre später ging daraus der Arbeitskreis Ernährungsökologie hervor, der sich insbesondere für die Errichtung einer Professur einsetzte und Vorträge zu Themen organisierte, die im Studiengang nicht behandelt wurden.

Themen der Ernährungsökologie als wissenschaftliche Disziplin an der Universität zu verankern gelang erstmals 1989 mit einer halben wissenschaftlichen Stelle am Lehrstuhl von Claus Leitzmann. „Im konservativen Professorenumfeld war Leitzmann der einzige Professor, der Vorschläge und Anregungen von Studierenden ernst und wichtig nahm“, sagt Koerber. Die Seminare umfassten verschiedene Schwerpunktthemen, die interdisziplinär angelegt waren. Sie reichten von Fast Food über Biokost-Vermarktung bis hin zu Lebensmittelbestrahlung. Selbst die Klimarelevanz von Ernährung wurde schon damals thematisiert. Ab 2003 konnte eine Stiftungsprofessur für sechs Jahre errichtet werden, die allerdings mangels finanzieller Mittel von der Universität nicht übernommen wurde. „Die Lehre wird derzeit über befristete Stellen gesichert, deren Mittel immer wieder neu beantragt werden müssen“, sagt Katja Schneider, die seit dem Wegfall der Professur von Ingrid Hoffmann die Lehre organisiert.

Derzeit besteht der Studentische Arbeitskreis aus fünf aktiven Personen, die immer noch Vorträge organisieren. „Besonders gut besucht war ein Vortrag über die Umweltauswirkungen verschiedener Ernährungsformen oder auch einer über die Psychologie des Fleischessens“, erzählt Lisa Sonnenburg, die schon fünf Jahre dabei ist. „Leider bekommen wir häufig die Rückmeldung, dass Studierende sich gerne engagieren würden, aber aufgrund des straffen Stundenplans keine Zeit dafür haben“, bedauert sie. Neben Vorträgen veranstaltet die Gruppe auch Filmvorführungen, Exkursionen sowie nachhaltige Kochkurse. „Den Festakt haben wir organisiert, weil wir die Idee schön fanden, dass sich derzeitige und ehemalige Mitglieder treffen und austauschen aber auch dass Studierende erfahren können, was für berufliche Laufbahnen die Ehemaligen eingeschlagen haben.“ Die Berufe reichen vom Qualitätsmanagement im Lebensmitteleinzelhandel über die Arbeit für die EU-Kommission bis hin zu redaktionellen und wissenschaftlichen Tätigkeiten.

Auch Claus Leitzmann nahm am Festakt teil und hielt einen Festvortrag darüber, inwiefern der Mensch ein Pflanzenfresser ist. Seine Schlussfolgerung: „Der Mensch ist ein opportunistischer Omnivore.“ Als Omnivore sei seine Ernährung vor allem pflanzlich geprägt, was sich auch an der Anatomie erkennen ließe. Er betont aber auch, dass Natur nicht normativ ist. „Auch wenn die Vorfahren auf eine bestimmte Weise gelebt haben, heißt das nicht, dass es so gut war.“ Wer sich also vegan ernähren möchte, muss das nicht evolutionsbiologisch begründen.

Der derzeitige Arbeitskreis mit Prof. Dr. Claus Leitzmann

Der derzeitige Arbeitskreis mit Prof. Claus Leitzmann. Neue Gesichter sind immer gesucht! Denn mehr Leute können mehr auf die Beine stellen. (Foto: Clemens Thölken)

Was ist Ernährungsökologie?
Geht es um ernährungsassoziierte Probleme, steht die gesundheitliche Sicht üblicherweise im Vordergrund. Die Ernährungsökologie berücksichtigt darüber hinaus auch die Dimensionen Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft, wenn es beispielsweise um die Auswirkungen von Ernährungsverhalten, der Entwicklung von Ernährungsempfehlungen oder um Lösungsansätze für Ernährungsprobleme geht. Die Ernährungsökologie betrachtet dabei die vernetzten Wirkungen und Rückwirkungen innerhalb des komplexen Systems Ernährung und zwar anhand der gesamten Produktkette. Hierzu werden Methoden entwickelt und angewendet, die sich für den Umgang mit Mehrdimensionalität und Komplexität eignen, sowohl für die (interdisziplinäre) wissenschaftliche Forschung als auch für die Praxis. Dahinter steht die Überzeugung, dass ernährungsassoziierte Probleme nur durch eine umfassende Betrachtung gelöst werden können.

Permalink

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: