Stadtgarten zum Mitmachen – Fortsetzung folgt…

Was vom Stadtgarten übrig geblieben ist: Die Pflanzen sind noch da, aber keine Möbel mehr.

Was vom Stadtgarten übrig geblieben ist: Die Pflanzen sind noch da, aber keine Möbel mehr.

Seit einigen Wochen stehen keine Möbel mehr auf dem Samen-Hahn-Gelände, wo ein paar aktive Leute im Juni einen „Stadtgarten zum Mitmachen“ ausgerufen hatten. Auch wenn die Fläche nun ohne Sitzgelegenheiten kaum mehr als Aufenthaltsraum genutzt wird, hat der Stadtgarten gezeigt, wie eine Verschönerung der Stadt möglich sein kann.

Der Stadtgarten wurde sehr gut angenommen und wir haben ganz viele positive Rückmeldungen bekommen“, erinnert sich Johannes Schmid. „Irgendwann wurde von jemandem dann eine gepolsterte Couch dazu gestellt. Ein für draußen nicht geeignetes Möbelstück.“ Er und Nils Seipel haben als „flux – Stadtimpulse“ das Stadtgartenprojekt tatkräftig unterstützt. „Wir haben auch schon überlegt, wie wir damit umgehen können, wenn immer mehr Inneneinrichtungsgegenstände dazu kommen.“ Tatsächlich haben sich in den folgenden Wochen weitere Stoff-Sofas auf dem Gelände akkumuliert und noch bevor gemeinsam entschieden wurde, was zu tun ist, fand im August ein Abtransport aller Möbel – auch der selbst zusammengebauten Holzmöbel – statt.

„Leider können wir keine Sitzmöglichkeiten oder Ähnliches an diesem Ort mehr dulden und mussten diese entsorgen, da der Platz ansonsten zu einer Müllhalde mutiert.“ erklärte der Eigentümer Karim Shobeiri. Schmid kommentiert: „Wir haben es zwar nicht so empfunden, weil man ja auf allen Sachen sitzen konnte und sie auch nicht extrem kaputt waren. Aber wetterfest waren sie nicht.“ „Die Stoff-Couches waren nicht ästhetisch und wären langfristig vergammelt, auch wenn es gut gemeint war“, ergänzt Seipel. Generell empfinde Shobeiri den Stadtgarten als eine sehr kreative Idee um einen unbenutzten Flecken wieder zu beleben. Doch kann ein Stadtgarten ohne Sitzmöbel funktionieren? Keiner habe Lust, Shobeiris „Schandfleck“ für lau aufzuwerten, mit hübschen Pflanzen aber ohne Aufenthaltsmöglichkeiten, hieß es aus dem Spektrum der Aktiven rund um den Stadtgarten. „Eigentum verpflichtet, so steht es bereits im Grundgesetz“, betont Katharina Buck, selbst Anwohnerin des Geländes, die nicht zusehen möchte, wie solch ein zentral gelegener Ort einfach nur verfällt. „Die Möbel ohne Vorankündigung abzutransportieren zeigt außerdem, wie wenig Vertrauen Shobeiri in die Selbstregulation der Bürgerinnen und Bürger hat. Das ist schade, denn sicherlich hätten wir eine Lösung gefunden. Das Prinzip der Selbstorganisation ist für Menschen aus althergebrachten Strukturen offensichtlich unverständlich.“ Zu der Frage, was mit dem Gelände geschehen soll, äußerte sich der Eigentümer nicht.

Die „KANTINE“ nutzen, um Energien zu bündeln

Seipel hat indes die Idee, die „Kantine“ zu nutzen, um nicht nur für den Stadtgarten, sondern für alle urbanen Gärten neue Perspektiven zu finden. Auch der „Strebergarten“ auf dem Gelände des Philosophicums sowie der Free School Garten bei der Kü-Ché müssten bald umziehen. „Wo sie einen neuen Platz finden, ist allerdings unklar.“ Die Kantine ist eine Zwischenraumnutzung in der Bahnhofstraße 82, bei der Stadtvisionen im Mittelpunkt stehen und wo Vorträge und Workshops stattfinden werden. „Am 27.10. wird es einen Impulsvortrag zum Thema urbane Gärten und lokale Versorgungskonzepte geben. Das ‚Wurzelwerk‚, das Netzwerk der urbanen Gärten in Gießen wir auch dabei sein. Es wäre schön, wenn es uns gelingt, die Interessen der Leute zu erfragen und zu bündeln, um dann mit einer gemeinsamen Stimme gegenüber der Stadt oder den Investoren aufzutreten.“

Eine Frage des Standorts

Der Stadtgarten hat vor allem gezeigt, dass Grundstücke interessant sind, die zentral liegen und einsehbar sind. Es haben viele, auch sehr unterschiedliche Leute mitgemacht und das wurde unter anderem dadurch ermöglicht, dass man es einfach gesehen hat. Die meisten Leute waren auch sehr kommunikativ, haben die Passanten eingeladen, sich dazu zu setzen“, analysiert Schmid. Von der Idee, dass es sich beim Stadtgarten auch um ein politisches Statement gegen die Spekulation mit Grundstücken handelt, distanzieren sich Schmid und Seipel. „Wir sehen uns in erster Linie als Privatpersonen, die ein Interesse haben, aktiv die Umgebung mitzugestalten. Die Sache ist so unübersichtlich, dass wir uns nicht die Kompetenz zusprechen, da mitreden zu können. Mit der Fläche ist schon so viel passiert und es sind so viele Leute beteiligt. Wir haben einfach nur Potenzial in der Fläche gesehen und wollten das nutzen.“ Die Meinungen der Involvierten gehen allerdings auch auseinander. „Jede Aktion, an der Stadtbewohnerinnen und -bewohner sich beteiligen, ist meiner Meinung nach politisch“, positioniert sich Buck. „Für mich war es auch eine Kritik an Besitzverhältnissen.“

Die Tatsache, dass die Beteiligten in der Vergangenheitsform sprechen, signalisiert ein vorerstes Ende des Projekts. „Ich habe wenig Lust, jetzt noch viel zu machen, weil unklar ist, was passieren wird und weil ohne Möbel kaum noch Leute dort sind“, sagt Buck. „Ich habe auch Angst um meine Tontöpfe. Gerne würde ich sie dort stehen lassen, aber wer weiß, ob sie über Nacht nicht auf einmal weg sind. Das wäre richtig schade.“ Der Garten habe allerdings deutlich gemacht, dass ein großer Bedarf an Freizeitangeboten besteht, die nichts kosten. Lione S., die ebenfalls mitgemacht hat und deren Motivation vor allem darin bestand „einen unkonventionellen, kostenlosten und gemütlichen Treffpunkt in der Stadt zu schaffen“ versteht nicht, dass nicht mehr kommuniziert wurde: „Wir könnten ja Gespräche miteinander führen und klären, was auch immer zu klären ist. Es ist schade, wie es gelaufen ist, denn es war und ist ein wunderschönes Projekt, von dem wir meiner Meinung nach noch viel mehr in unserer Stadt brauchen.“

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