Für saubere Luft in Gießen

Passant_innen dürfen mit einem Sticker wählen, wie Gießen zu besserer Luft kommen soll.

In vielen deutschen Städten werden die existierenden Emissionsgrenzwerte im Straßenverkehr nicht eingehalten. Auch in Gießen sind die durchschnittlichen Jahresgrenzwerte für Stickoxide kontinuierlich überschritten, bei Feinstaub kommt es hin und wieder zu Überschreitungen des Tagesgrenzwertes. Greenpeace machte vor Kurzem auf dem Seltersweg darauf aufmerksam und fragte die Gießener und Gießenerinnen, welche Maßnahmen sie sich für sauberere Luft wünschen.

Mit einem Herzaufkleber dürfen die Passant_innen für eine von fünf Verkehrsmaßnahmen stimmen. Sie haben die Wahl zwischen „kostenlosem Nahverkehr“, „Räume für Menschen, nicht für Autos“, „Verkehrsberuhigung“, „autofreie Zonen“ und „Vorfahrt für Fußgänger und Radfahrer“ oder dürfen selbst weitere Ideen zu Papier bringen. Schon nach kurzer Zeit kleben viele Herzen auf dem großen Schild. Ein älterer Herr, seinerseits Autofahrer, entscheidet sich für die „autofreie Zone“, ergänzt aber seine Bedingung: „Wir kommen aus dem Dorf, da geht ohne Auto nichts. Deshalb muss es am Stadtrand Abstellmöglichkeiten fürs Auto geben, wenn wir in die City fahren.“ Weiteren zwei Studentinnen ist eine autofreie Innenstadt in keinster Weise eine zu radikale Forderung. „Autos sind ganz furchtbar. Ich bin überzeugt davon, dass weniger Leute Auto fahren würden, wenn die Fahrradwege besser ausgebaut wären“, sagt eine von ihnen. „Unter derzeitigen Umständen finde ich Fahrradfahren echt gefährlich und gehe hauptsächlich zu Fuß. Dabei spricht so viel gegen das Auto: Bewegung und Gesundheit.“

Hier hat jemand richtig erkannt, dass die Abgase giftig sind 😉

Gefahren, die von Feinstaub ausgehen, sind schon länger bekannt

Fahrzeugabgase bringen allerlei Gesundheitsrisiken mit sich: Feinstaub, der aufgrund der Größe in der Lunge verbleiben und sogar bis in die Blutbahn gelangen kann, führt zu Entzündungsreaktionen in den Atemwegen und zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. An Feinstaubpartikeln lagern sich außerdem Schadstoffe an, die auf diese Weise in den Körper gelangen. Laut WHO gibt es keine Feinstaubkonzentration, bei der keine schädigende Wirkung zu erwarten ist. So führen nicht nur kurzfristig erhöhte Werte zu negativen Effekten, sondern auch längerfristige niedrige Konzentrationen. Seit 2005 gilt der Tagesgrenzwert für die Feinstaubfraktion PM10 (die Größe von bis zu 10 µm) von 50 µg/m³. Der Wert darf nicht öfter als 35 Mal im Jahr überschritten werden. Zwar hat die Feinstaubbelastung seit 1990 aufgrund von Partikelfiltern in Kraftfahrzeugen abgenommen, in Ballungsräumen mit großen Verkehrsaufkommen werden die Grenzwerte aber immer noch überschritten. Im Jahre 2017 gab es in Gießen bislang an acht Tagen Feinstaubüberschreitungen. Für die noch kleineren Partikel PM2,5 soll ab 2020 der Jahresmittelwert von 20 µg/m³ nicht mehr überschreiten werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 betrug dieser Wert in Gießen 15,1 µm/m³. Dennoch: Weil die Grenzwerte die menschliche Gesundheit nicht ausreichend schützen, ist eine weitere Reduzierung der Partikelemissionen notwendig.

Stickstoffdioxid: Weiterhin ein großes Problem

Die Belastung durch Stickoxide, insbesondere Stickstoffdioxide, hat sich in den letzten Jahren nicht reduziert. Sie stammen vor allem aus dem Verkehrssektor und hier zu überwiegendem Teil aus Diesel-Fahrzeugen. Als starkes Oxidationsmittel reizt es Schleimhäute und trägt zur Bildung bodennahen Ozons und Feinstaubs bei. Die WHO stuft den Stoff als krebserregend ein, die „International Agency for Research on Cancer“ stellt einen Zusammenhang zu Lungenkrebs fest und sieht Hinweise für vermehrtes Auftreten von Blasenkrebs. Der seit 2010 geltende Jahresmittelwert von 40 µg/m³ NO2 dürfte nicht überschritten werden, lag in Gießen jedoch 2015 im Jahresmittel bei 45.

Maßnahmen

Umweltzonen zu errichten, das ist eine der Maßnahmen, mit der Städte versuchen, die EU-Luftgrenzwerte einzuhalten. Fahrzeuge mit grüner Umweltplakette dürfen die Zone befahren. Gießen will zum Januar 2018 eine Umweltzone einführen, die die Kernstadt sowie Kleinlinden und Wieseck umfasst. Umweltzonen in Hessen existieren bereits in Frankfurt, Wiesbaden, Offenbach, Darmstadt, Marburg und demnächst in Limburg. Allerdings zeigte sich, dass ein großer Kfz-Anteil den Anforderungen einer grünen Plakette entspricht, so dass mit einer starken Verkehrsreduktion nicht zu rechnen ist. Das Problem ist, dass sich die derzeitigen Schadstoffklassen vor allem auf Feinstaubemissionen beziehen. Daher sammelt Greenpeace Unterschriften, die Umweltzonen um eine blaue Plakette zu erweitern, womit nur noch Fahrzeuge mit besonders geringen Stickstoffdioxid-Emissionen erlaubt wären.

Die Maßnahmen, die Städte ergreifen, um die Luft sauberer zu machen, entnimmt man den jeweiligen Luftreinhalteplänen, die von den Landesbehörden aufgestellt werden müssen, wenn die Grenzwerte überschritten werden. Für Gießen gilt der Luftreinhalteplan Lahn-Dill von 2007, der 2011 fortgeschrieben wurde. Unter den Maßnahmen findet man beispielsweise die „Optimierung des Verkehrsflusses“. Zwar hat fließender Verkehr einen geringeren Schadstoffausstoß als ungleichmäßige Fahrweise, aber die Verkehrsbelastung wird dadurch nicht verringert. Eine weitere Maßnahme ist die Umrüstung des kommunalen Fuhrparks auf emmissionsarme Fahrzeuge. Doch diese tragen aufgrund der geringen Anzahl nur in geringem Maße zu einer Entlastung bei. Auch eine „Attraktivitätssteigerung des ÖPNV“ soll durch bessere Taktung und bessere Verbindungen erreicht werden. Die Nachfrage konnte sich dadurch innerhalb eines Jahres um 1,3% erhöhen. Die Deutsche Umwelthilfe hingegen empfiehlt die Einführung eines Bürgertickets, mit dem die Nachfrage um 30% gesteigert werden könne. Dass die Luftqualität sich seit 2007 nicht wesentlich verbessert hat, lässt zumindest Zweifel an der Wirksamkeit der bisherigen Maßnahmen zu.

Passant_innen durften weitere Vorschläge machen. Das ist dabei zusammengekommen.

Maßnahmen, die Greenpeace vorschlägt, sind weitreichender und müssten vermutlich gegen größeren Widerstand umgesetzt werden: Um den Verkehr in der Innenstadt zu reduzieren und den ÖPNV und das Fahrrad zu stärken, setzt Greenpeace auf eine Innenstadt-Maut und sogar auf autofreie Zonen. Kraftfahrzeuge mit Elektroantrieb und Lastenfahrräder sollen den Lieferverkehr ersetzen. Die Verkehrsplanung soll aus der Perspektive der Radfahrenden und Fußgänger_innen erfolgen. Kalb erläutert das Konzept des kostenlosen Nahverkehrs: „Es könnte Mobilitätskontingente für Bürgerinnen und Bürger für ÖPNV oder Carsharing geben. Die würde man beispielsweise durch die Besteuerung von Dieselkraftstoff finanzieren.“ Die Diesel-Subvention durch die niedrigere Mineralölsteuer habe erst dazu geführt, dass der Anteil an Fahrzeugen mit Dieselmotor so stark angestiegen ist. Diese Entwicklung müsse gestoppt werden. 

Bürger_innen, die an vielbefahrenen Straßen wohnen, können vor Gericht einfordertn, dass Maßnahmen durchgesetzt werden, um die Grenzwerte einzuhalten – allerdings nur dann, wenn sie in unmittelbarer Nähe einer Messstation wohnen.

Fortschreigung des Luftreinhalteplans Lahn-Dill

Da Gießen seine Luftreinhalteziele für 2015 nicht erreicht hat, wird es eine zweite Fortschreibung des Luftreinhalteplans geben. Warum diese nicht schon erfolgt ist, liegt unter anderem daran, dass die erarbeiteten Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit hin berechnet werden müssen. Dies geschieht anhand bestimmter Emissionsfaktoren, die, wie sich herausstellte, aber überarbeitet werden müssen. Die bisherigen Emissionsfaktoren für Euro-6-Diesel-Pkw stellten sich nämlich im Zuge des Abgasskandals als zu optimistisch heraus. Nun wartet das Hessische Umweltministerium auf die aktualisierten Emissionswerte des Umweltbundesamtes, geht aber davon aus, das die Fortschreibung noch in diesem Jahr abgeschlossen werden kann.

Advertisements

Eine Antwort

  1. Eine Innenstadt-Maut ist ja durchaus vernünftig, aber bei der derzeitigen Gesetzeslage in Deutschland wohl rechtlich nicht zulässig. Was Städte aber schon heute tun können, ist Parkgebühren einzuführen bzw. die bestehenden Gebühren zu erhöhen. Das wirkt ähnlich effizient wie eine Citymaut. Schade, dass Greenpeace die Stadt bisher nicht dazu aufruft, auch in anderen Quartieren Parkgebühren einzuführen, so wie dies an der Ringallee und in der Nordstadt dieses Jahr stattfinden wird.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: