Fasten – eine spannende Selbsterfahrung

Alexandertechnik mit Nudelrolle: Am fünften Tag gibt es einen Einstiegsworkshop in die Alexandertechnik: Sie dient dazu, mit dem eigenen Körper besser in Kontakt zu kommen. Körpererfahrung stellt somit eine wichtige Komponente des Fastenprogramms dar. Sitzen auf dem Nudelholz hilft, ein Gefühl für die Sitzhöcker und eine aufrechte Sitzhaltung zu bekommen.

Eine ganze Woche lang nichts essen, wie sich das wohl anfühlt? Und klappt das einfach so? Fühlt man sich nicht schwach und muss ständig an Essen denken? Fastenratgeber versprechen das Gegenteil. Fasten könne das Energieniveau und die Laune heben, bis hin zu Euphoriegefühlen. Neun Personen wollten es am eigenen Körper erfahren, was es heißt, sechs Tage lang auf feste Nahrung zu verzichten – im Rahmen einer angeleiteten Fastenwoche.

„Ich habe schon verschiedene Arten des Intervallfastens getestet, zum Beispiel täglich nur eine Mahlzeit zu essen“, erzählt Paul in der Runde. „Das hat gut geklappt, ich habe Gewicht verloren und fühlte mich fit. Jetzt will ich mal wissen, wie sich eine klassische Fastenwoche anfühlt.“ Gewichtsreduktion kann eine Motivation sein, das Fasten auszuprobieren. Krankheiten vorzubeugen oder einen Punkt zu setzen, um sein Leben zu verändern eine andere. „Ich möchte wissen, ob ich weiter Sport machen kann und wie das für den Körper ist“, sagt die sportgeisterte Svea. Sie hat ein Experiment vor: „Nach der Fastenwoche werde ich an einem 10-Kilometerlauf teilnehmen. Ich bin gespannt, ob sich meine Zeit verbessert.“ Die Fastenerfahrung der sieben Frauen und zwei Männer, die fast alle zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, ist ganz unterschiedlich. Selbsterfahrung spielt für die meisten eine Rolle. Ein paar erhoffen sich hinterher kontrollierter und bewusster zu essen. Johanna Feichtinger ist die Fastenleiterin. Sie arbeitet für den Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB), der die Fastenwoche zusammen mit dem Studentischen Arbeitskreis Ernährungsökologie organisiert hat. „Regelmäßige Fastenwochen haben sich bei verschiedenen Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf- oder rheumatischen Erkrankungen bewährt aber wir machen ja hier kein Heilfasten, sondern Fasten für Gesunde“, betont sie. Das klassische Buchinger-Fasten sieht vor, etwa 300 kcal pro Tag zu sich zu nehmen, allerdings nur über Flüssigkeiten. Selbst zubereitete Brühe und verdünnte Säfte sowie beliebig viel Tee und Wasser stehen auf dem Speiseplan.

Gemeinesames Brühenessen: Fast jeden Tag hat sich die Gruppe zum gemeinsamen Erfahrungsaustausch getroffen. Die Fastenleiterin bereitete die Brühe vor, die dann gemeinsam gegessen wurde.

Zunächst geht es aber mit einem Entlastungstag los, an dem ballaststoffreiche Kost angesagt ist. Diese soll das „Glaubern“ am ersten Fastentag erleichtern. Das Magnesiumsalz, das in Wasser verdünnt getrunken wird, verursacht Durchfall, der Darm wird entleert, dadurch wird vermieden, dass ein Hungergefühl entsteht. „Der Körper verbraucht erst einmal alle Glucosereserven. Dann sind die gespeicherten Fette dran“, erklärt Feichtinger. „Etwa nach dem dritten Tag hat der Körper auf Ketonkörperstoffwechsel umgestellt. Das heißt, die Energiegewinnung erfolgt hauptsächlich aus Fettsäuren und Ketonkörpern, die durch die Fettzersetzung entstehen. Für die wenigen Organe, die dennoch auf Glucose angewiesen sind, stellt der Körper aus Proteinen, also aus der Muskelmasse, Glucose her. Außerdem nehmen die Fastenden ja in sehr geringen Mengen Kohlenhydrate, also auch Glucose, zu sich.“ Etwa alle zwei Tage sollte man zudem einen Einlauf durchführen, um den Darm weiterhin zu entleeren und Hungergefühle zu unterbinden. „Ich hatte heute Mittag das erste Mal Hunger“, sagt Charlotte an ihrem fünften Fastentag, „aber dann habe ich weiter aufgeräumt und das Gefühl ging weg.“ „Mir geht es ganz gut“, sagt Lukas, „aber das High-Gefühl, von dem immer mal wieder die Rede ist, das hatte ich nicht.“ Anna fühlt sich auch nicht „high“ aber ziemlich fit und gut gelaunt, und das trotz wenig Schlaf. Svea, die Sportlerin, hat bisher jeden Tag ein bis zwei Stunden Aquaaerobic, Pilates oder Krafttraining gemacht und ist verblüfft, wie gut es klappt. Paul, der weiterhin Uni und Erwerbsarbeit nachgeht, klagt über schwere Beine. Er hatte zwischendurch mit schlechter Laune und Hungeranfällen zu kämpfen. „Ich empfehle, sich während der Fastenwoche Zeit für sich zu nehmen und aus dem Alltag auszusteigen“, sagt Feichtinger. „Sonst ist man schnell überfordert, wenn man zusätzlich noch arbeiten muss. Außerdem hat man weniger Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und in sich zu gehen.“ Stimmungsschwankungen seien aber nichts Ungewöhnliches. Wie der Körper reagiert, sei individuell sehr unterschiedlich.

Was tun in der gewonnenen Zeit, wenn man nicht mehr einkaufen und kochen muss? Eine Ideensammlung.

Selbstgemachte Brühe: Das Gemüse wird lange gekocht. Das abgegossene Wasser und ein kleiner Anteil der Gemüsestücke püriert. Gewürze nicht vergessen.

Svea ist die erste, die das Fasten bricht, und zwar schon am sechsten Tag: „Ich hatte einfach keine Lust mehr. Ich war laufen und die Muskeln haben nach zwei Kilometern schlapp gemacht. Da habe ich mich dann entschieden, etwas zu essen. Und das war extrem gut. Seitdem habe ich das ‚Nachfastenhigh‘!“ Den anderen steht das Abfasten noch bevor. Es ist der siebte Tag. Damit der Verdauungstrakt nicht überfordert wird, gilt es, ganz langsam anzufangen. Am ersten Aufbautag werden nur leichte Speisen empfohlen, zum Beispiel ein Apfel und am Abend eine Suppe. „Ich glaube es wird eine Herausforderung für mich, nach dieser Woche nicht wieder alles in mich hineinzuschaufeln“, sagt Charlotte. Alle haben einen Apfel vor sich. „Ich traue mich gar nicht anzufangen zu essen“ grinst Paul. Dann geht es los, mit kleinen Stücken. Alle kauen langsam und behutsam. Sie haben die Augen geschlossen und ein sanftes Lächeln auf den Lippen. Es lässt sich nur erahnen, um was für einen Genuss es sich wohl handelt.

Das Abfasten am siebten Tag beginnt mit einer gemeinsamen „Apfelmediation“: Zuerst ist nur ansehen, riechen und fühlen erlaubt. Dann erst wird der Apfel in kleine Stücke zerteilt.

Für alle war es eine kostbare Erfahrung, viele haben fest vor, erneut zu fasten. Svea ist begeistert, von der „Willensstärke, die man beim Fasten an den Tag legt“. Sie hat inzwischen ihren 10-Kilometerlauf hinter sich. „Ich bin meine Bestzeit gelaufen! Ich war auch hoch motiviert und das Wetter war gut. Es alleine aufs Fasten zurückzuführen, wäre wahrscheinlich zu kurz gegriffen. Aber ich habe ein gewisses Vertrauen in meinen Körper entwickelt. Er hat mir über eine Woche gezeigt, dass er trotz ‚Nahrungsmangel‘ mit viel Ruhe und einem gewissen Spürsinn sehr leistungsstark sein kann.“

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