„Durchhalten und weiter suchen“

WC-SchildÖffentliche Toiletten spalten die Gemüter: Es gebe zu wenige von ihnen, sagen die einen – sie sind zu ekelig, als dass man auch nur in Erwägung ziehen könnte, sie zu benutzen, sagen die anderen. Frei zugänglich sollten sie sein, fordern die einen. Die anderen sind der Überzeugung, nur das, was Geld kostet, werde auch wertgeschätzt. Zum Welttoilettentag ein Blick auf die stillen Örtchen dieser Stadt.

„Ich richte meinen Flüssigkeitskonsum so ein, dass ich nie irgendwo anders auf die Toilette muss“, antwortet ein etwas älterer Mann auf dem Seltersweg auf die Frage, ob es denn genug öffentliche Toiletten in der Stadt gäbe. Er fügt hinzu: „Auf eine öffentliche Toilette würde ich mich auch nie setzen, wenn ich sehe, was für Leute dort hingehen und wie die Klobrillen aussehen.“ Damit spricht er wahrscheinlich so manch einer Person aus dem Herzen.

Das Problem ist vielerorts das gleiche. An öffentlichen Toiletten treffen sich häufig Drogen- und Alkoholabhängige. Die Toiletten sauber zu halten ist teuer. Zu teuer für die Stadt. Automatische Toiletten mit Münzeinwurf aufzustellen, ändert daran auch nichts. Vor zehn Jahren führte das Hochbauamt solch eine selbstreinigende Toilette am Selterstor ein. Hartmut Klee, Leiter des Hochbauamts, kennt die Zahlen: „Die damaligen Anschaffungskosten betrugen 83 000 Euro. Allein in den letzten drei Jahren hatten wir Reparatur-, Reinigungs- und Betriebskosten in einer Größenordnung von über 70 000 Euro bei Einnahmen von nicht einmal 1500 Euro.“ Dabei seien die Kosten etwa deckungsgleich, wenn man von Hand zu putzende und selbstreinigende Toiletten vergleicht. Trotzdem gibt es einige Stimmen, die mehr öffentliche Toiletten fordern. So beschwert sich eine Frau, die am Marktplatz wohnt, über bestimmte Leute: „Die pinkeln hier überall hin, auch unter mein Fenster. Es gibt nicht genug öffentliche Toiletten.“

Noch vor einigen Jahren betrieb die Stadt zwölf Toiletten, inzwischen sind es nur noch drei: eine nur tagsüber geöffnete Toilette am Brandplatz und zwei selbstreinigende, am Selterstor und am Marktplatz. Doch auch die am Selterstor soll noch diesen Monat geschlossen werden.

bahnhofstoilette

In den 50er und 60er Jahren war die Anzahl der Toiletten noch nicht so knapp bemessen. Sie befanden sich traditionell an Kiosken, in Gebäuden, die der Stadt gehörten. Das war zum Beispiel in der Licher Straße der Fall, wo heute der Neue Kunstverein sitzt. In den 70ern wurden vermehrt Brachflächen in der Nähe von Bushaltestellen oder großen Plätzen dazu genutzt, Container mit Toiletten aufzustellen. „Diese Containerlösungen waren zwar preisgünstig, haben sich im Nachhinein aber aufgrund von Drogen- und Alkoholproblemen als äußerst problematisch herausgestellt“, beschreibt Klee. „Nach dieser Zeit sind nur noch vereinzelt Toiletten errichtet worden. Das war dann ein fließender Übergang zu kommerziellen Toiletten ähnlich wie man sie von Autobahnraststätten kennt, bis hin zu selbstreinigenden Toiletten.“ Unterm Strich, so Klee, sei jeder Baustil, jede Art der Ausstattung mit extremen Wartungs- und Reinigungskosten verbunden und insofern wirtschaftlich nicht zu betreiben.

Eine mögliche Lösung, um das Geld wieder hereinzubekommen, sind werbefinanzierte Toiletten. Sie sind selbstreinigend und haben ein ansprechendes Design. Ähnlich wie Bushaltestellenwände, dienen sie als Werbeträger. In einigen größeren Städten funktioniert das. Klee hat allerdings eine Vermutung, warum sich Gießen dafür nicht eignet: „Gießen ist zu klein, das Ganze rentiert sich nur, wenn eine bestimmte Anzahl an Toiletten zur Verfügung steht. Außerdem ist hier die Nachfrage nach Werbeträgern durch die Vielzahl der Bushaltestellen schon abgedeckt.“

Den Fußgängern bleibt also noch die Möglichkeit, ins Kaufhaus oder ins Café zu gehen. „Wir haben noch keinem verboten, die Toilette zu benutzen“ sagt eine Angestellte in einer Gaststätte auf dem Seltersweg, die Verständnis für jene hat, denen die Blase drückt. In anderen Gaststätten kann es auch schon Mal vorkommen, dass 50 Cent verlangt werden oder ein Schild darauf verweist, dass die Toilette ausschließlich für Kunden da ist. Aus diesem Umstand heraus entstand in der Stadt Aalen die Idee der „netten Toilette“. Bürger können guten Gewissens eine Gaststätte aufsuchen, um ihre Notdurft zu verrichten, dafür bezuschusst die Stadt die Gaststätten finanziell. Das ist für die Stadt günstiger als die eigenen Toiletten zu betreiben und die Toiletten sind deutlich sauberer. Über 120 Städte deutschlandweit machen bereits mit.

Vielleicht auch eine Option für Gießen? Klee jedenfalls appelliert an die Zuständigen: „Wir würden gerne die Empfehlung aussprechen, dass hier die Politik und die entsprechenden Stellen auf die Gastronomen zugehen und eine Lösung anbieten.“ Doch wenn das Café fehlt, stellt sich weiterhin die Frage: Was kann ich beispielsweise tun, wenn ich in den Park gehe, um mich zu erholen, kein Kleingeld dabei habe und plötzlich dringend aufs Klo muss? „Tja, durchhalten und etwas Anderes aufsuchen“, sagt Klee mit ratlosem Blick. Leider vermag nicht jeder seinen Flüssigkeitshaushalt so gut zu regulieren, wie der Herr auf dem Seltersweg.

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