Follow Your Trash #3: Mit der Bio-Tonne Ressourcen schonen

Ein LKW hat gerade Grünschnitt abgeladen.

Ein LKW hat gerade Grünschnitt abgeladen.

In Hessen kommen pro Einwohner_in etwa 130 Kilogramm Bioabfall pro Jahr zusammen. 80 Kilogramm davon ist Grünschnitt, die restlichen 50 Kilogramm Küchenabfälle. Der Inhalt der Biotonnen der insgesamt 260 000 Einwohner_innen aus Stadt und Landkreis Gießen landen im Kompostierwerk Rabenau in Geilshausen. Es liegt im Grünen, zwei Kilometer entfernt von jeglicher Wohnbebauung. Hier entsteht aus Küchen- und Gartenabfällen Kompost, der die Bodenfruchtbarkeit verbessert.

Darf die Tüte mit in die Tonne?

Viele Verbraucher_innen sind unsicher, ob denn wirklich alle Lebensmittel in den Biomüll gehören. Joachim Keck, Leiter des Kompostwerks, beruhigt: „Wir können hier alles kompostieren, auch Speisereste, die Fleisch enthalten, Käse oder Eier. Der Verbraucher sollte nur bei sich schauen, dass die verdorbenen Lebensmittel nicht zu lange stehen.“ Auch die Tütenfrage wird häufig diskutiert. Darf Biomüll in eine Plastiktüte? Und ist da eine biologisch abbaubare Tüte nicht sinnvoll? Ganz klar: Gewöhnliche Plastiktüten gehören nicht in den Biomüll und verunreinigen den Kompost. Keck hält aber auch die als biologisch abbaubar gekennzeichneten Tüten für problematisch: „Die Tüten sind so haltbar, dass sie bei unserer Prozessführung nicht abgebaut und hinterher als Störstoff abgetrennt werden.“ Ein System mit biologisch abbaubaren Tüten kann laut Keck nur im lokalen Rahmen funktionieren: „In einer Anlage hat man eine Tüte entwickelt, die wurde kostenfrei an die Bürger vergeben. Die waren speziell an die Anlage angepasst, so dass der Großteil der Tüten abgebaut werden konnte. Aber da bräuchte man ja für jede Anlage eine eigenes Tütenmodell. Und die Tüte kostet ja auch Geld. Sobald sie von den Bürgern gekauft werden muss, funktioniert das System nicht mehr.“ Keck empfiehlt daher, entweder die Plastiktüte auszuleeren oder gleich zum Zeitungspapier zu greifen und den Abfalleimer damit auszukleiden. „Zeitungspapier ist auch gut gegen Maden. Es bindet nämlich Feuchtigkeit und Gerüche.“ Die Druckerschwärze sei, was Schwermetalle angeht, unproblematisch. Und Farben auf Ölbasis seien ja auch nur Kohlenstoffverbindungen, die von den Mikroorganismen abgebaut werden.

Der Biomüll kommt in den „Tunnel“

1996 wurde die Anlage auf dem ehemaligen NATO-Gelände in Rabenau fertig gestellt und ersetzte damit die Mietenkompostierungsanlage des Landkreises. Dort wurde der Biomüll offen gelagert und mit Radladern regelmäßig umgeschichtet. Nahe des Stadtzentrums gelegen, brachte die Anlage eine entsprechende Geruchsbelästigung mit sich. Das nun in Rabenau eingesetzte Verfahren stammt aus der Champignonproduktion und funktioniert etwas anders als die Mietenkompostierung, Keck erklärt: „Das Substrat auf dem Champignons wachsen, wird genauso hergestellt, wie wir hier den Kompost herstellen. Es handelt sich um eine Tunnelkompostierung, die Kompostierung findet also im Geschlossenen statt.“ Das Kompostwerk, das der Entsorger SITA gebaut hat und nun betreibt, gehört dem Landkreis und verarbeitet pro Jahr bis zu 40.000 Tonnen Biomüll und Grünschnitt aus den Haushalten von Stadt und Landkreis Gießen.

Kompostierung heißt optimale Oxidation“ – Sauerstoff ist notwendig, damit der Biomüll verrottet

Eine große dunkle Halle, aus der Radlader rein und raus fahren. Starke Staubbildung, es riecht nach Nadelgehölz aber auch ein bisschen „vergoren“. Ein leichter Unterdruck sorgt dafür, dass keine Luft nach außen dringt. Der frische Biomüll wird hier mit grobem Material, das die Kompostierung schon einmal passiert hat, gemischt und in die Tunnels verbracht. „In dem groben Material, das nicht durch die Siebe geht, sind schon entsprechende Mikroorganismen drin. So wird die Kompostierung des frischen Materials beschleunigt“, erklärt Keck. „Außerdem sorgt dieses grobe Material dafür, dass der frische Biomüll aufgelockert wird und genug Sauerstoff hinein eindringen kann.“ Sauerstoff ist essenziell für die Kompostierung. In einem aktiv belüfteten feuchten Milieu mit viel Sauerstoff setzen die Mikroorganismen, das sind bestimmte Bakterien und Pilze, die kohlenstoffhaltigen Küchen- und Gartenabfälle zu Kohlenstoffdioxid, Wasser und Humuserde um. Keck zeigt auf die Innenwände des Tunnels: „Kompostierung heißt optimale Oxidation. Das heißt, dass nicht nur das organische Material umgesetzt wird, sondern auch, dass Eisenteile rosten würden. Daher sind die Wände des Tunnels auch aus Beton.“ Mit 30 Metern Länge und je fünf Metern Höhe und Breite fasst ein Tunnel ein Volumen von 750 Kubikmetern. Elf dieser Tunnel, die unabhängig voneinander in Betrieb genommen werden können, stehen hier. Im Winter sind weniger Tunnel in Betrieb, es kommen nämlich nur etwa 30 Tonnen Abfall pro Tag an, hauptsächlich Küchenabfälle. Im Sommer hingegen, wenn alles wächst, können es auch 260 Tonnen pro Tag, vor allem Grünschnitt sein. „Man merkt an diesen Schwankungen, dass es sich um eine ländlich geprägte Gegend handelt, in der viele Haushalte einen Garten haben. In großen Städten kann die Biomüllzusammensetzung ganz anders ausfallen“, erklärt Keck.

Auf dem Bildschirm können die Eigenschaften der jeweiligen Tunnels verfolgt werden.

Auf dem Bildschirm können die Eigenschaften der jeweiligen Tunnels verfolgt werden.

Das Material verbleibt bis zu drei Wochen im Tunnel. Digital werden die wesentlichen Parameter aufgezeichnet, die die Kompostierung beeinflussen. Auf einem Computerbildschirm sind die Kurven von Temperatur, Sauerstoff, Wasser, pH-Wert und weiteren Größen abzulesen. „Die Werte werden automatisch in einem bestimmten Bereich gehalten. So können wir dafür sorgen, dass die Kompostierung optimal verläuft. Ist zum Beispiel zu wenig Sauerstoff vorhanden, belüften wir stärker mit Frischluft. Wenn das Material zu trocken ist, wird es automatisch beregnet, beispielsweise sollte der Wassergehalt bei 40 bis 50 Prozent liegen.“ Damit hierfür kein Trinkwasser verwendet werden muss, wird das 8000 Quadratmeter große Dach angezapft, wo das Regenwasser aufgefangen wird.

Auf dem Tunnelboden sind Belüftungsschlitze zu erkennen, denn während der Kompostierung muss dem Material kontinuierlich Luft zugeführt werden. „Der Energieaufwand hierfür ist sicherlich ein wichtiger Kostenfaktor“, meint Keck. Einer der Tunnel zeigt die Temperatur von 53 Grad Celsius an. „Dieser wurde vor kurzem befüllt. In den ersten Tagen lässt man die Temperatur deutlich ansteigen, um das Material zu hygienisieren. Dabei werden alle Krankheitserreger abgetötet: Dafür wird die Temperatur elf Stunden lang bei mindestens 60 Grad gehalten.“ Die Temperaturen entstehen nicht durch Beheizung, sondern einzig durch die Aktivität der Bakterien und Pilze. Danach wird mit Frischluft abgekühlt. In den darauf folgenden zwei Wochen werden die schwerer abbaubaren Verbindungen wie Fette oder Zellulose bei etwa 50 Grad zersetzt. Viele Personen haben einen eigenen Gartenkompost bei sich zu Hause. Im kleinen Maßstab unter weniger gut kontrollierten Bedingungen können die hohen Temperaturen jedoch nicht erreicht werden. Daher empfiehlt es sich nicht, samenhaltige oder kranke Pflanzenteile auf den Gartenkompost zu werfen, ebensowenig wie stark verderbliche Abfälle wie Käse, Fleisch oder Speisereste.

Nicht nur der Gelbe Sack, auch der Biomüll wird „sortiert“

Nach etwa drei Wochen haben die Mikroorganismen rund 60 Prozent des Ursprungsmaterials zu Kompost umgesetzt. Der Tunnelinhalt geht nun in den Zerkleinerer. Im nächsten Schritt wird er auf ein Laufband geladen, um sortiert zu werden, und zwar rein maschinell, wie Keck erklärt: „Eine händische Sortierung ist nicht mehr zeitgemäß und auch gar nicht mehr notwendig. Zuerst holt der Eisenabscheider, im Prinzip ein Magnet, die eisenhaltigen Metalle heraus.“ Keck steht vor dem Container mit den Metallresten: „Wir finden hier Dosen, Gartenwerkzeug… Brauchen Sie ein Rechen?“ Als nächstes bläst der sogenannte Windsichter Luft in das Material hinein und entfernt auf diese Weise Plastiktütenstücke. „Weil aber eine Reinigung nur eine Reduzierung darstellt, kann besonders der Bürger durch eine sauberer Erfassung seiner Bioabfälle und die Herstellung eines hochwertigen Kompostes ermöglichen. Wie der geringe Anteil von etwa einem Prozent Störstoffen im Biomüll zeigt, unterstützen die Gießener Bürger mit ihrer sauberen Sammlung diese Form des Umweltschutzes tatkräftig“, freut sich Keck.

Der fertige Kompost - die grobe Fraktion

Der fertige Kompost – die grobe Fraktion

Das kompostierte Material läuft nun über zwei verschieden große Siebe. So entstehen zwei Sorten von Kompost: die eine mit Teilen von bis zu zehn, die andere mit Teilen bis zu 20 Millimetern Durchmesser. Was nicht durch die Siebe passt, wird, wie zuvor beschrieben, dem frisch gelieferten Material zur Auflockerung beigemischt. Ein Kreislauf.

Kompost eignet sich hervorragend für die ökologische Landwirtschaft“

In einer weiteren Halle lagert er nun, der fertige Kompost. Auf einem weiteren Haufen liegt Mutterboden. „Der besteht aus mineralischen Bestandteilen wie Sand und Ton. Wenn man nun das organische Material, also den Kompost, darunter mischt, haben wir richtige Erde“, erklärt Keck. „Das organische Material mischt sich mit dem mineralischen zu einem Humus-Boden-Gefüge. Das macht die Bodenfruchtbarkeit aus, weil in diesen Gefügen die Nährstoffe für die Pflanzen verfügbar bereit stehen. Die Mikroorganismen helfen mit. Sie machen zum Beispiel den Phosphor im Boden beweglich und sie verdrängen Krankheitserreger.“ Auch den Unterschied zu mineralischem Dünger, auch als Kunstdünger bezeichnet, erklärt Keck: „Die Nährstoffe sind nicht nur unmittelbar verfügbar sondern werden durch die weiteren Abbauprozesse auch immer weiter nachgeliefert. Das ist ein Vorteil gegenüber mineralischem Dünger, der keine Nährstoffe nachliefert und in der Herstellung viel mehr Energie erfordert.“

Die Lagerkapazität in der Anlage reicht für ein halbes Jahr. Momentan ist die Halle ziemlich leer. „Der Kompost wird sehr gut nachgefragt“, sagt Keck. SITA vermarktet die Produkte. So gibt es beispielsweise einen 30-Liter Sack für 60 Cent, einen Kubikmeter für knapp 12 Euro. „Die Kompostvermarktung bringt nicht viel ein. Die Preise bewegen sich im Selbstkostenrahmen.“ Hauptabnehmer sind Garten- und Landschaftsbetriebe sowie die Landwirtschaft. Aber auch von Baumschulen, private Gärten, Gärtnereien und Kommunen wird Gießener Kompost nachgefragt.

Was allerdings ist mit möglichen Schadstoffen, die sich im Kompost befinden können? Denken wir an Pestizidrückstände aus Küchenabfällen, an Abgase oder Reifenabrieb von Autos, die an bepflanzten Flächen vorbei fahren. „Als die Biotonne Anfang der 90er Jahre eingeführt wurde, war der Begriff Kompost nicht geschützt“, erinnert sich Keck. „Das ging so weit, dass sogar Restmüll, der einen organischen Anteil von etwa 60 Prozent hatte, kompostiert und als Kompost verkauft wurde! Das war natürlich nicht Sinn der Sache, da das Material schadstoffbelastet war. Dann haben sich Behörden, Wissenschaft und Anlagenbetreiber zusammengetan, um zu definieren, wie ein Kompost zu sein hat.“ Daraus ist die Bundesgütegemeinschaft Kompost hervorgegangen, die Qualitätskriterien für Kompost definiert. Von ihr akkreditierte Labore besuchen die Kompostwerke mehrmals im Jahr und untersuchen den Kompost nicht nur auf Nährstoffe, sondern auch auf Fremdstoffe, keimfähige Samen und Schwermetalle. Die Ergebnisse sind im „Jahreszeugnis“ nachzulesen. Keck hält das seiner eigenen Anlage in der Hand: „Hier können Sie ganz genau sehen, was alles im Kompost drin ist. Es gibt keinerlei Grenzwertüberschreitungen. Sie finden sogar Tabellen zur Düngeberechnung, damit sie die optimale Menge aufbringen.“ Die Qualitätskriterien der damals freiwilligen Kennzeichnung „Gütezeichen Kompost“, wurden 1998 von der Bioabfallverordnung übernommen und sind seitdem für alle Anlagen verbindlich.

„Bio“-Erde?

Kompost wird durchaus auch verwendet, um Blumenerden, die man im Baumarkt kaufen kann, herzustellen. Ulrike Wegener von der Gütegemeinschaft Substrate für Pflanzen führt aus: „Wenn man Kompost mit Mutterboden mischt, hat man noch lange keine Blumenerde. Da kommen noch weitere Stoffe wie Rindenhumus, Holzfaser oder Torf hinzu.“ Wenn man nun im Baumarkt Blumenerden findet, die den Begriff „Bio-Erde“ tragen, so heißt das nicht, dass hier Kompost aus biologisch angebauten Pflanzen verwendet wurde. „Der Begriff ist nicht geschützt und sagt somit gar nichts über Zusammensetzung und Qualität der Blumenerde aus.“

Hin zu höherer Energieausbeute

Die Kompostierung ist ein bewährter Prozess. Um aber die im Abfall enthaltene Energie besser zu nutzen, wird heutzutage empfohlen, eine Vergärung vorzuschalten. Hier setzen Mikroorganismen unter Ausschluss von Sauerstoff das organische Material zu Methan um. Das Gas kann dann zur Strom- und Wärmenutzung in einem Blockheizkraftwerk verbrannt oder ins Erdgasnetz gespeist werden. Der Gärrest, der übrig bleibt, kann als Dünger genutzt werden.

Als Biomüll noch nicht getrennt wurde, gelangte er mit dem Restmüll in die Verbrennung. Damit waren wertvolle Rohstoffe unwiederbringlich verloren. Zudem senkte der feuchte organische Anteil den Heizwert des Mülls, es musste also mit mehr fossilen Energieträgern zugefeuert werden. Das passiert auch noch heute dort, wo es keine getrennte Sammlung gibt. Ab diesem Jahr soll sie aber bundesweit flächendeckend eingeführt werden. Mit der Aufstellung der Biotonne ist es allerdings nicht getan, denn Bürger_innen müssen sie auch tatsächlich nutzen. Sortieranalysen zeigen beispielsweise, dass selbst bei intensiver Nutzung der Biotonne immer noch 15 bis 20 Kilogramm pro Einwohner und Jahr an organischem Material im Restmüll landet.

Aus Sicht des Umweltschutzes sollte die Biotonne unbedingt genutzt werden. Denn so können die Abfälle stufenweise verwertet werden: Im ersten Schritt können sie zur Energieversorgung aus erneuerbaren Energien beitragen und im zweiten den Boden verbessern, indem der Nährstoffkreislauf wieder geschlossen wird und kein mineralischer Dünger verwendet werden muss. Das reduziert die Treibhausgase. Zudem kann Boden, dem Kompost zugeführt wurde, mehr Kohlenstoffdioxid speichern. Eine Kompostierung ist deutlich günstiger als die Verbrennung. Mit getrennter Sammlung sinken also auch die Müllgebühren.

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