Bürgerbeteilungsverfahren zu Ruheoasen in der Stadt

Kleine Ruheoasen wie der botanische Garten oder die Lahnauen bieten wichtige Rückzugsmöglichkeiten vor dem aufdringlichen Verkehr.

Kleine Ruheoasen wie der botanische Garten oder die Lahnauen bieten wichtige Rückzugsmöglichkeiten vor dem aufdringlichen Verkehr.

Lärm kann sich sehr gesundheitsschädlich auswirken. Die damit in Verbindung gebrachten Folgen reichen von Schlafstörungen über Bluthochdruck bis hin zum Herzinfarkt. Zudem senkt Lärm die Lebensqualität in der Stadt. 2002 trat die EU-Umgebungslärmrichtlinie in Kraft. Damit soll die Lärmbelastung gemindert werden. Auf lokaler Ebene wurde nun nach sogenannten „ruhigen Gebieten“ gesucht. Gießener Bürger_innen konnten bis letzte Woche über das Beteiligungsportal „gießen-direkt.de“ mitwirken.

2007 ließ das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie erstmals eine Lärmkartierung durchführen. Im Lärmaktionsplan 2010 waren dann nicht nur die Frankfurter und die Grünberger Straße, sondern zum Beispiel auch Bismarck- und Ludwigstraße als solche mit hoher Verkehrsbelastung ausgewiesen. Über 16 000 Kraftfahrzeuge passieren diese Straßen täglich. Umso wichtiger sind Ruheoasen in der Stadt, wo sich Stadtbewohner_innen erholen können. Bis zum 24. April war es den Bürgerinnen und Bürgern möglich, ihre beliebtesten Ruhezonen auf der Plattform Gießen DIREKT im Stadtplan einzutragen. Eine überschaubare Anzahl von 38 Personen haben sich eingebracht. Zu den Ruheoasen der BürgerInnen gehören mit Mehrfachnennungen der botanische Garten aber auch Alter und Neuer Friedhof und die Lahnauen sind beliebt. Ihre Lieblingsorte konnten sie kommentieren. So schreibt eine Person über das Kloster Schiffenberg: „Leider weit ausserhalb des Stadtgebietes“. Innerhalb der Stadt gebe es leider keine wirklichen Ruhezonen mehr um dem Stadtlärm zu entkommen. Einer andere Person hingegen ist dem Theaterpark zugetan: „Eigentlich ein toller, zentral gelegener Ort in den Innenstadt um Eis zu essen und sich zu entspannen. Leider durch den Straßenlärm etwas ungemütlich, aber viel viel Potential.“  Das Umweltamt resümiert auf der Website, dass es sich in der Annahme bestätigt sieht, „dass immer mehr stress- und lärmgeplagte Menschen heute Ruheoasen wohnortnah, also im dicht bebauten Stadtbereich nutzen. In der Stille suchen die Menschen oft gar nicht – nur – die akustische Stille, sondern ein Innehalten in einer schnellen, reizüberfluteten Welt des Multitaskings, der high-speed-Kommunikation und der langen Arbeitszeiten.“ Die Vorschläge werden von der Stadt an die in Hessen zuständige Behörde, das Regierungspräsidium, weitergeleitet. Sie sind dann unter dem Titel „ruhige Gebiete“ Bestandteil des Entwurfes zur Lärmaktionsplanung, wo sie anonymisiert bewertet werden. Der Entwurf soll noch vor den Sommerferien veröffentlicht werden.

Die Stadt ist voll mit vielbefahrenen Straßen. Lärm und Abgase aber auch ästhetisches Empfinden senken die Lebensquailität.

Die Stadt ist voll mit vielbefahrenen Straßen. Lärm und Abgase aber auch ästhetisches Empfinden senken die Lebensquailität.

Was aber bringen solche Beteiligungsmöglichkeiten? „Mit dem Verfahren wollen wir konkrete Ruhezonen finden, die Gießener und Gießenerinnen wichtig erscheinen“, sagt Marion Lorengel vom Amt für Umwelt und Natur. Die Stadt habe sich bei der Charakterisierung der Ruhezonen für die „weichen Kriterien“ entschieden. „Die Kriterien umfassen also nicht eine bestimmte Fläche und auch keine Dezibel-Lärmgrenzwerte, denn dadurch wären Gebiete wie der Theaterpark oder der botanische Garten von vornherein heraus gefallen.“ Für zukünftige Bauvorhaben bedeutet die Ausweisung von Ruhezonen, dass hier kein Mehr an Straßenlärm erzeugt werden soll. „Im Rahmen der Stadtentwicklungsplanung wird nach in Kraft treten des Lärmaktionsplanes ein weiterer Umweltbelang „Ruhige Gebiete“ zu prüfen sein“, erklärt Lorengel die rechtlichen Konsequenzen.

Es ist trotzdem ernüchternd, was die Ausweisung der Ruhezonen mit sich bringt, nämlich lediglich die Aufrechterhaltung des Status Quo. Zwar sind Lärmminderungsmaßnahmen erklärtes Ziel der Lärmaktionspläne und auch das Gießener Umweltamt erkennt die Wichtigkeit von Ruheoasen an. Doch schaut man genau hin, offenbart sich das geringe Gestaltungspotenzial dieses Beteiligungsverfahrens: Zum einen werden ohnehin nicht alle vorgeschlagenen Gebiete als Ruhezonen ausgewiesen, sondern nur jene, bei denen es „machbar“ ist. Zum anderen bedeutet auch deren Ausweisung nichts anderes, als dass keine Verschlimmerung des Lärms eintreten darf. Eine ernst gemeinte Lärmminderung sollte indes die Ruheoasen tatsächlich ruhiger machen und sie verschönern, um die Lebensqualität in der Stadt zu steigern und ein „Innehalten in einer schnellen, reizüberfluteten Welt“ zu ermöglichen.

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Eine Antwort

  1. Super Info. Ich fordere Tempolimit 30km/h im Stadtgebiet und 100% autofrei innerhalb des Rings. Das wäre mal die Mindestgrundlage um ernsthaft über „Ruheoasen“ zu diskutieren. „Ruheoasen“ ein schöner Begriff des Wellness-Marketings den man den Bürgern verkaufen kann, die Vorstellung wirkt, nur leider wird die Vorstellung das Einzige sein was bleibt, es wird keine physischen Ruheoase in der Stadt geben wenn keine radikale Maßnahmen eingeleitet werden, wie es im Bericht heißt, wird lediglich der status quo erhalten, ich mein, der Verkehr ist doch extrem in Gießen … … …
    Wer von den Stadtplanern ist denn für so ein Irrwitz verantwortlich. Wir lassen alles so wie es ist und dann werden bestimmte Orte zu „Ruheoasen“ und dazwischen ist die Lärm- und Feinstaubhölle ….

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