Schadstoffbelastung in urbanen Gärten

Ein bisschen Selbstversorgung in der Stadt: Ein Beispiel ist der Gemeinschaftsgarten bei der Kü-Ché.

Ein bisschen Selbstversorgung in der Stadt: Ein Beispiel ist der Gemeinschaftsgarten bei der Kü-Ché.

Das Gärtnern in der Stadt ist sehr beliebt. Wie aber steht es um die Stadtböden? Immerhin ist die Verkehrsbelastung hoch und meistens weiß man auch nicht genau, was mit dem Boden in den vorangegangenen Jahrzehnten geschah. Wie gesund ist also das eigene Biogemüse vor der Haustüre?

Reges Treiben im Nordstadtgarten, dem Gemeinschaftsgarten am Korridor zwischen Asterweg und Schottstraße. Eine Handvoll Leute setzt Kompost um. Die Fläche wurde bereits in den 50er Jahren als Garten genutzt, bevor sie zur Wiese wurde und nun seit 2012 erneut mit Gemüse bepflanzt wird. „Wir haben hier einfach die Erde benutzt, die wir vorgefunden haben“, sagt Jörg Wagner, der den Garten mitbewirtschaftet. „Dadurch, dass hier bis in die 70er Jahre hinein gegärtnert wurde, sind wir davon ausgegangen, dass der Boden unproblematisch ist.“

Das Areal des Nordstadtgartens wurde in der Nachkriegszeit auch schon als Garten benutzt.

Das Areal des Nordstadtgartens wurde in der Nachkriegszeit auch schon als Garten genutzt.

Sylvie Drahorad, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bodenkunde der Justus-Liebig-Universität, beschäftigt sich mit Stadtböden. Sie hat zwar nicht das Gartenareal, dafür aber straßennahe Standorte in der Nordstadt untersucht: „Die Werte für Schwermetalle waren alle im unkritischen Bereich. Das heißt aber nicht, dass es keine Schadstoffeinträge gibt. Vielmehr ist es so, dass die untersuchten Standorte mit Oberboden aufgeschüttet wurden, das Material also noch zu jung ist, um Schadstoffe in höheren Konzentrationen akkumuliert zu haben.“ Die Bewirtschaftung des Nordstadtgartens hält sie aber für unbedenklich, denn die Straße liege in ausreichender Entfernung und der Bereich sei durch die hohen Wohnhäuser zusätzlich geschützt.

Ein anderer Gemeinschaftsgarten befindet sich bei der Kü-Ché in der Moltkestraße. Hier engagiert sich der umweltinteressierte Hobbygärtner Max Schmitz. „Über die Schadstoffbelastung der Böden mache ich mir immer Gedanken“, sagt er. „Der Garten der Kü-Ché zum Beispiel befindet sich ja auf einem Gelände, wo nach dem Krieg ein Trümmerhaufen lag. Zum einen weiß man nicht, was alles in den Trümmern drin war und zum anderen ist die Erdschicht sehr dünn gewesen. Deshalb habe ich vorgeschlagen, hier Hügelbeete zu bauen.“ Genaueres weiß Schmitz über die Altlasten nicht. „Viele der Gießener Stadtböden weisen hohe Anteile von Trümmerschutt auf“, erklärt Drahorad. „Das muss allerdings gar nicht schlecht sein, denn der Schutt kann den Kalkgehalt des Bodens erhöhen, was einen positiven Effekt darstellt. Über negative Effekte durch Sprengstoffreste ist mir nichts bekannt. Da müsste man sich den Einzelfall anschauen.“ Ablagerungen aus der Industrie wurden aber zum Teil ebenfalls im Straßenbau verwendet und diese könnten Altlasten darstellen. Schlacken beispielsweise seien häufig mit Schwermetallen belastet. „Wer mehr über die Historie seines Bodens erfahren möchte, sollte das Stadtarchiv zu Rate ziehen oder Zeitzeugen befragen.“

Der Nordstadtgarten, ein weiteres Gemeinschaftsprojekt. Das Gelände ist durch die umliegenden Gebäude von den Abgasen abgeschirmt.

Durch die umliegenden Gebäude sind die Beete von den Abgasen abgeschirmt.

Trotz Altlasten und Trümmerschutt bleibt die Straßennähe ein entscheidender Faktor bei der Bodenqualität. Schmitz erzählt, dass Gärten an der Straße nicht so beliebt sind: „Es gibt ja die interkulturellen Gärten am Eulenkopf. Da weiß ich von einigen Leuten, die nicht mitmachen wollen, weil die Parzellen so nah an der Autobahn liegen.“ Es sind vor allem Abgase, Stäube, Reifen- und Bremsbelagabrieb, die Schadstoffe durch Staub oder Spritzwasser in die Böden bringen können. „Blei ist heutzutage aufgrund von bleifreiem Benzin kein Problem mehr und was Blei aus den vergangenen Jahrzehnten angeht, so kann man davon ausgehen, dass es relativ fest im Boden gebunden ist“, sagt Rolf-Alexander Düring, Professor an ebenjenem Institut für Bodenkunde. Wie beweglich und somit pflanzenverfügbar Schwermetalle im Boden sind, hänge hauptsächlich vom pH-Wert ab. „Man kann recht einfach ein bisschen Boden mit Wasser verrühren und einen pH-Teststreifen hinein hängen. Ist der Boden sauer, so sollte man weitere Untersuchungen durchführen lassen, denn eine Versauerung des Bodens führt zur Mobilisierung der Metalle und eine Aufnahme durch die Pflanzen wird wahrscheinlicher.“ Durch Kalken könne man einer Versauerung jedoch vorbeugen. Auch von der Pflanzenart hängt es ab, wie viele Schadstoffe diese aufnimmt. „Es gibt sogenannte Hyperakkumulatoren, das sind Pflanzen, welche Schwermetalle besonders stark in vegetativen Sprossteilen einlagern. Werden diese Teile dann verzehrt, nimmt der Mensch eine besonders hohe Menge an Schwermetallen auf. Spinat zählt beispielsweise dazu“, erklärt Drahorad.

Der Garten bei der Kü-Ché: Rote Beete wird ins Hochbeet gesetzt. MIt Hochbeeten kann man sicher gehen, dass man nicht aus Versehen auf Altlasten anbaut.

Der Garten bei der Kü-Ché: Rote Beete wird ins Hochbeet gesetzt. MIt Hochbeeten kann man sicher gehen, dass man nicht aus Versehen auf Altlasten anbaut.

Generell gibt es aber einfache Maßnahmen, um die Schadstoffbelastung zu senken. An einer viel befahrenen Straße helfen Hecken. „Hecken schirmen durch ihre große Oberfläche einen Großteil der Partikel ab“, sagt Düring. Eine andere Möglichkeit ist es, Hochbeete mit geeignetem Bodenmaterial zu bauen. Oder man macht es gleich so wie Schmitz und baut ein Hügelbeet: „Die Basis der Hügelbeete bilden Baumstämme und Äste. Auch Spankisten aus unbehandeltem Holz haben wir verwendet. Als nächstes haben wir Grünabfälle von Bioobst und -gemüse drauf gepackt, dann noch eine Schicht Stroh und eine Schicht Laub und als oberste Schicht kam Komposterde drauf.“

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